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Coronavirus Mainzer Firma Biontech will die US-Zulassung für ihren Wirkstoff beantragen / Impfungen könnten 2020 beginnen

Forscher feiern Durchbruch

Archivartikel

Berlin.Kommt der erste Corona-Impfstoff für Europa aus Deutschland? Die Chancen stehen gut: Das Mainzer Unternehmen Biontech will bereits in wenigen Tagen zusammen mit seiner US-Partnerfirma Pfizer eine Zulassung in den USA beantragen. Erste Forscher sprechen schon von einem Impfstart noch in diesem Jahr. Mit der hoffnungsvollen Perspektive stellt sich aber auch die dringende Frage: Wer soll zuerst geimpft werden – wenn der Impfstoff zunächst noch nicht für alle reicht? Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte dazu eine hochkarätig besetzte Expertenrunde um Antwort gebeten. Sie liegt seit Montag vor.

Wie weit ist der Impfstoff der Forscher aus Mainz?

Noch im November wollen die Pharmafirmen Biontech und Pfizer den Zulassungsantrag für ihren Corona-Impfstoff in den USA stellen. Jüngste Studiendaten zeigten, dass der Impfstoff einen mehr als 90-prozentigen Schutz vor der Krankheit Covid-19 biete. Gesundheitsminister Jens Spahn bezeichnete die Fortschritte am Montag als „sehr ermutigend“. Spahn bremste jedoch die Erwartungen mit Blick auf eine unmittelbar bevorstehende Zulassung in Deutschland: „Das heißt noch nicht, dass morgen die Zulassung erfolgt.“ Eine Zulassung bei der FDA wäre zuerst einmal eine Zulassung in den USA. „Es kann dadurch eine zeitliche Differenz entstehen zwischen amerikanischer und europäischer Zulassung.“ Doch gehe er von einer parallelen Beantragung bei der europäischen Arzneimittelbehörde EMA aus. Sein Ziel sei es in jedem Fall, dass ein Impfstoff eines deutschen Unternehmens „nicht zuerst in anderen Ländern zur Verfügung steht“. Für den Fall der Zulassung macht Clemens Wendtner von der München Klinik Schwabing Hoffnung auf einen raschen Impfstart: „Wenn dieser Schritt erfolgen wird, könnte in der Tat bereits Ende 2020 eine Impfwelle anrollen.“ Die vorgestellten Ergebnisse seien ein „Silberstreifen an dem sonst so düsteren Horizont“. Der Virologe Florian Krammer von der Icahn School of Medicine in New York nannte die Bekanntgabe die „beste Nachricht“ für ihn seit Beginn der Pandemie. Allerdings gaben Experten auch zu bedenken, dass die Daten zunächst nur aus einer Pressemitteilung stammen, so fehlten etwa Informationen zum Schutzeffekt in bestimmten Altersgruppen und dazu, wie lange ein Impfschutz anhält.

An den Börsen dagegen löste die Nachricht Euphorie aus: Der Dax eroberte erstmals wieder seit Mitte Oktober die 13 000-Punkte-Marke, im vorbörslichen US-Handel stiegen die Papiere des US-Pharmakonzerns Pfizer zunächst um rund neun Prozent, die Biontech-Papiere schnellten um rund 16 Prozent nach oben.

Wer wird dann als Erster geimpft?

Das Biontech-Präparat ist ein sogenannter RNA-Impfstoff, der wesentlich schneller als konventionelle Impfstoffe produziert werden kann. Biontech und Pfizer rechnen damit, noch in diesem Jahr weltweit bis zu 50 Millionen Impfstoffdosen bereitzustellen, im kommenden Jahr kalkulieren sie mit bis zu 1,3 Milliarden Dosen. Die Deutschen müssen sich daher in jedem Fall darauf einstellen, dass der Impfstoff zunächst nicht für alle reichen wird. Spahns Expertenrunde hat sich nun auf drei Gruppen festgelegt, die als Erste geimpft werden sollen. Eine Art Krisendreieck: Menschen mit stark erhöhtem Corona-Risiko, Beschäftigte im Gesundheitssystem, die sich um genau diese Menschen kümmern, sowie Polizisten, Lehrer und alle, die das öffentliche Leben aufrechterhalten. Die gemeinsame Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) am Robert Koch-Institut, des Deutschen Ethikrats und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina soll bis zum Jahresende im Detail noch weiter ausgearbeitet werden und muss zudem an konkrete Eigenschaften eines möglichen Impfstoffs angepasst werden – die Chancen stehen gut, dass es der Biontech-Impfstoff mit dem sperrigen Titel BNT162b2 wird.

Doch klar ist: Jemand, der über 60 Jahre alt ist und ein oder zwei leichtere Risikofaktoren mitbringt, hat wenig Chancen, bei den Ersten zu sein. „Deswegen reden wir auch von signifikant erhöhtem Risiko“, betonte die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Alena Buyx. Ein nur „erhöhtes“ Risiko reiche nicht aus.

Heißt: Die Impfempfehlung gilt nicht für jeden der 23 Millionen Deutschen über 60 Jahre und auch nicht für jeden, der eine Vorerkrankung hat, übergewichtig ist oder raucht. Bewohner von Pflegeheimen dagegen dürften zu den Ersten gehören, die geimpft werden. Andere dagegen müssen sich noch deutlich länger gedulden: „Wir gehen davon aus, dass die ersten Impfstoffe nicht für Schwangere und Kinder zugelassen sein werden“, erklärte Thomas Mertens, Vorsitzender der Stiko.

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