Politik

Multikulturalität Der polyglotte Intellektuelle Alain Mabanckou beschreibt die verschiedenen Erfahrungshorizonte von Menschen mit afrikanischer Herkunft in den USA und Frankreich

„Gemeinsame Geschichte einer erzwungenen Reise“

Archivartikel

Der aus Kongo stammende, lange in Frankreich beheimatete und seit etlichen Jahren in Los Angeles lebende und lehrende Schriftsteller Alain Mabanckou hat in seinen Essays auch über die Geschichte des Rassismus in den USA geschrieben. Im Gespräch mit dieser Redaktion erklärt er die Unterschiede zu frankreich.

Herr Mabanckou, Sie schreiben, dass es in Frankreich keine schwarze Gemeinde gibt wie in den USA. Wie kommt das?

Alain Mabanckou: Gemeinde ist nichts, das sich über Hautfarbe ergibt. Gemeinde bedeutet, eine gemeinsame Geschichte zu teilen, Leiden, Ungerechtigkeit und soziale Unterschiede. Deshalb kann man in den USA von einer Gemeinde sprechen, einer Community, denn alle schwarzen US-Amerikaner sind dort infolge der Sklaverei angekommen. Das heißt, keiner der Schwarzen hat ein Ticket dafür bezahlt, um auf den Plantagen am Mississippi Geld verdienen zu dürfen –nein, man hat sie mit Gewalt verschleppt, man brauchte ihre Arbeitskraft.

Und diese gemeinsame Geschichte prägt noch heute das Selbstverständnis in den USA?

Mabanckou: Die Mehrheit, wenn nicht gar alle schwarzen Amerikaner finden sich wieder in dieser gemeinsamen Geschichte einer erzwungenen Reise. Als sie in den USA ankamen, entstand ihre Gemeinschaft nicht etwa aufgrund ihrer Hautfarbe, sondern durch die Bedingungen dieses Exodus. Diese Entwurzelung hat eine kollektive Erinnerung erzeugt. Und deshalb fühlen sich diese schwarzen Amerikaner, sobald man einen Aspekt dieser Geschichte berührt, gleichermaßen angesprochen. So lässt sich erklären, dass es Martin Luther King gelang, für seine Reden eine oder zwei Millionen Zuhörer zu versammeln. Aber ich kenne keinen einzigen Schwarzen in Frankreich, der sagen könnte, er habe ein Mikrofon genommen und die Schwarzen seien gekommen, ihm zuzuhören.

Wie ist es dann in Frankreich?

Mabanckou: Wenn Sie zwei Millionen französische Schwarze bei einer Versammlung haben wollen, dann sagen Sie, dass es kongolesischen Rumba und umsonst etwas zu essen gibt, und dann werden sie kommen. Georges Brassens hat einmal gesagt, dass man für Ideen sterben muss, aber wenn man keine Idee hat, weiß man auch nicht, wofür es sich zu sterben lohnte. Warum kann man in Frankreich nicht von einer schwarzen Gemeinde sprechen? Weil jeder Afrikaner aus einem anderen Grund dorthin gekommen ist. Obwohl auch Frankreich mit Sklaven handelte, wird keiner sagen, er sei infolge der Sklaverei in Frankreich. Manche sind zum Studieren gekommen, dann haben sie sich in die Frau des Pastetenbäckers verliebt und sind geblieben. Dann gibt es andere, die aus politischen Gründen nach Frankreich kamen, oder solche, die dort nach Arbeit suchten, dann gibt es noch die Nachkommen der Soldaten, die im Weltkrieg nach Frankreich gekommen und geblieben waren. Insofern hat jeder sein eigenes Problem, von dem die anderen nicht betroffen sind. 

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