Politik

Bildung Lehrerin beklagt lasche Strafen für lernfaule Schüler / Bildungswissenschaftlerin sieht Pädagogen in der Pflicht

„Genug Möglichkeiten, zu sanktionieren“

Archivartikel

Mannheim.Ingrid Freimuth ist eine erfahrene Pädagogin: Sie unterrichtete an Haupt- und Realschulen in Hessen, sie arbeitete als Kommunikationstrainerin in der Lehrerfortbildung. Aus mehr als 40 Jahren Berufserfahrung nimmt sie eine Erkenntnis mit: Die Strafen in Deutschland für Schüler, die sich weigern, zu lernen, oder die gewalttätig werden sind zu lasch. Freimuth schrieb ein Buch, sie machte ihrem Ärger in TV-Shows Luft. Zuletzt in der ZDF-Sendung „Maybrit Illner“ am Donnerstagabend, als es um rassistische Mobbing-Fälle an Berliner Schulen ging. Dort wurde kürzlich eine Schülerin jüdischen Glaubens von muslimischen Mitschülern beschimpft.

Freimuth sagt dieser Zeitung, negative Sanktionen seien in Deutschland verpönt. Man setze bei Fehlverhalten auf Förderung statt auf Strafe. Doch sämtliche Sanktionen brächten nur bei Schülern etwas, die eben auch einen qualifizierten Abschluss anstrebten. Leistungsverweigerer lasse das kalt. „Bei keiner mir bekannten Fördermaßnahme wird beispielsweise konsequent eine Mitarbeit gefordert“, sagt Freimuth.

Die Länder teilen ihre Forderung nach härteren Sanktionen nicht. Das Kultusministerium in Baden-Württemberg verweist auf „zahlreiche pädagogische Mittel“, auf die Lehrer zurückgreifen könnten: klärende Gespräche, aber auch Strafarbeiten oder Klassenwechsel. Zudem seien schärfere erzieherische Maßnahmen im Schulgesetz verankert. Das können Strafen bis hin zu einem Unterrichts- oder Schulausschluss sein.

„Grundsätzlich glaube ich, dass es genug Möglichkeiten gibt, zu sanktionieren“, sagt Sandra Boser, bildungspolitische Sprecherin der Grünen im Stuttgarter Landtag. Teilweise seien jedoch die Hürden für Schulverweise, also den kompletten Ausschluss von der Schule, zu hoch. „In Einzelfällen muss das schneller möglich sein.“ Das Bildungsministerium in Rheinland-Pfalz hält die Sanktionen ebenfalls für „grundsätzlich ausreichend“. Hessen verweist auf die Strafen im Schulgesetz.

Falsche Ansätze

Eine Diskussion über Strafen sei ohnehin der falsche Ansatz, sagt Margarete Imhof vom Bereich Psychologie in den Bildungswissenschaften der Universität Mainz. „Man muss sich fragen, unter welchen Bedingungen Menschen bereit sind, sich anzustrengen. Es kann nicht funktionieren, wenn man mit Schülern schimpft und ihnen droht, dass aus ihnen nichts wird“, sagt Imhof. Sie sieht die Lehrer in der Pflicht: „Schüler sind einsatzbereit, wenn sie sehen, dass das, was sie machen, etwas bewirkt. Wenn sie den Sinn in ihrer Aufgabe sehen und sie nicht zu schwierig und nicht zu leicht ist. Lehrer müssen also sehr viel mehr schauen, was zu dem Einzelnen passt“, sagt Imhof.

Einheitliche Statistik fehlt

Intensivere Betreuung des Einzelnen – dafür brauche man mehr Personal, Fortbildungen und Stunden, heißt es vonseiten der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). „Lehrkräfte müssen auf die sonderpädagogischen Aufgaben besser vorbereitet werden“, sagt Matthias Schneider von GEW Baden-Württemberg.

Was schlimmeres Fehlverhalten angeht – Mobbing, Rassismus oder Gewalt –, so fehlt es in Deutschland an einer amtlichen Statistik. Nach den Mobbing-Fällen in Berlin hatte der Antisemitismusbeauftragte von Baden-Württemberg, Michael Blume, bereits eine bundesweite Erfassung gefordert. Auch die Deutsche Polizeigewerkschaft sprach sich für ein entsprechendes Melderegister für Gewalttaten an Schulen aus.