Politik

Giftgas – der chemische Konflikt

Giftgas wurde im Ersten Weltkrieg als das allererste Massenvernichtungsmittel eingesetzt. Diese neue und grausame Epoche der Kriegsführung begann am 22. April 1915: An der Front bei Ypern in Belgien, wo deutsche Truppen gegen Briten und Franzosen kämpften, ließen die Deutschen mit Chlorgas gefüllte Stahlflaschen öffnen. Die gelbgrüne Wolke erstickte 5000 gegnerische Soldaten und verätzte die Atemwege der Überlebenden.

Dieser „Erfolg“ führte zur Entwicklung noch grausamerer Kampfstoffe aus Phosgen und Senfgas. Später wurde das Gas aus Granaten verschossen. Ypern löste ein Wettrennen um die wirksamsten Kampfgase unter den Kriegsbeteiligten und den Einsatz auf vielen Schlachtfeldern aus. Die Hoffnung, dass schnelle Schläge durch Giftgas den Krieg rasch beenden würden, ging nicht in Erfüllung. Bis 1918 wurden laut Schätzungen mehr als 80 000 Soldaten durch Giftgas getötet, etwa eine Million verletzt.

Als Erfinder des Gas-Kriegs gilt der Chemiker Fritz Haber, der auch in Heidelberg studiert hatte. Haber sah im großflächigen Einsatz chemischer Stoffe eine neue Möglichkeit, die erstarrten Fronten im Westen aufzubrechen. Als Direktor des „Militär-Instituts“ in Berlin-Dahlem hatte er die besten Mittel und Mitarbeiter für die Erforschung von Giftgasen als Kampfmittel. Der Erfinder des Giftgases sei Haber zwar nicht gewesen, urteilt die „Zeit“: „Doch durch ihn wurde der Weltkrieg zu einem chemischen Krieg auf industrieller Basis.“

Den – umstrittenen – Chemie-Nobelpreis 1918 bekam Haber übrigens für ein bahnbrechendes Verfahren, das noch heute indirekt die Ernährung von etwa der Hälfte der Weltbevölkerung sichert. Er hatte die wissenschaftlichen Grundlagen für das Haber-Bosch-Verfahren geschaffen, das in Zusammenarbeit mit dem kongenialen Carl Bosch, Chemiker und Ingenieur bei der BASF in Ludwigshafen, entwickelt wurde. Es ermöglicht die Herstellung von Ammoniak aus den Elementen Stickstoff und Wasserstoff – und damit die industrielle Produktion von Stickstoffdünger.

In der belgischen Kleinstadt Ypern, dem Ort des ersten Giftgasangriffes und verheerender Schlachten, erinnern Mahnmale, Soldatenfriedhöfe und eine Kunstinstallation an das sinnlose Blutvergießen. be