Politik

Klima Bei ihrem Auftritt in Straßburg spricht die Schülerin ihre Gegner direkt an / „Sie können nicht die Millionen Kinder überhören“

Greta begeistert EU-Politiker

Brüssel/Straßburg.„Ich heiße Greta Thunberg, bin 16 Jahre alt und komme aus Schweden.“ Es ist Dienstagnachmittag im Europäischen Parlament in Straßburg. Zum letzten Mal vor den Wahlen tagt der Umweltausschuss, und wohl keiner der Gäste, die die Abgeordneten in dieser Legislaturperiode geladen hatten, sorgte für ein derart volles Haus. Als „inspirierende Aktivistin“ begrüßte die Ausschussvorsitzende Adina-Ioanna Valean von den Liberalen Thunberg und vergaß auch nicht zu erwähnen, dass die junge Frau mit dem Zug gekommen sei und ihre Schulferien opfere, um vor den Abgeordneten zu sprechen. Aber Greta Thunberg hat für Freundlichkeiten keine Zeit. „Ich möchte, dass Sie in Panik geraten“, sagt sie. „Sie sollen sich so fühlen, als ob ihr Haus brennt.“

Die Rede, die sie aufgeschrieben hat, ist von einer erschreckenden Eindringlichkeit, die viele der anwesenden Europapolitiker verstummen lässt. „Um das Jahr 2030 werden wir eine Kettenreaktion in Gang gesetzt haben, die nicht mehr zu stoppen ist“, argumentiert Thunberg, die in Straßburg alle nur Greta nennen, so, als sei sie noch ein Kind.

Lang anhaltender Applaus

Die Schülerin, die jeden Freitag für das Klima demonstriert, fordert „Veränderungen“, für die aber Erfindungen notwendig seien, die wir noch gar nicht gemacht haben: „Wie können wir die Schadstoffe aus unserer Atmosphäre herausfiltern?“ Niemand wisse das, aber alle hofften darauf. Der Weltklimarat habe alles genau aufgeschrieben. Sie zitiert wissenschaftliche Studien der Klima-Experten über ausgelaugte Böden, „toxische Luftverschmutzung, die Übersäuerung der Weltmeere, während wir unseren Lebensstil fortsetzen, als wäre nichts geschehen“. Mit Blick auf die Europa-Wahlen appelliert sie: „Ich kann mit meinen 16 Jahren noch nicht wählen, also müssen Sie für mich und alle Jugendlichen auf der Welt sprechen.“

Unter dem tosenden Applaus des Ausschusses geht sie ihre Gegner frontal an: „Ich habe gehört, dass einige Parteien gar nicht wollten, dass ich hier stehe und zu Ihnen spreche.“ Aber die Politiker könnten die nächste Generation nicht zum Schweigen bringen, nur weil „wir alle“ sagen, was passiert – „und vor allem, dass viel zu wenig passiert“. „Es ist okay, dass Sie mir nicht zuhören wollen“, ruft sie einigen Parlamentariern zu, die erkennbar nicht mehr ihre Ausführungen folgen. ,,Aber Sie können nicht Millionen Kinder überhören.“ Als die Schwedin ihre Rede beendet, gibt es lang anhaltenden Applaus. Selbst langjährige Brüsseler Korrespondenten können sich an keinen vergleichbaren Auftritt einer Aktivistin erinnern.

Auch Parlamentspräsident Antonio Tajani spricht Greta Thunberg zuvor ins Gewissen. Als der Italiener Thunberg begrüßt, erzählt er ihr erst einmal, dass seine beiden Kinder ebenfalls an den Klimaschutz-Kundgebungen in seiner Heimat teilnehmen. ,,Das Parlament arbeitet hart, um etwas für den Klimaschutz zu erreichen“, sagt Tajani. ,,Aber es ist natürlich notwendig, noch mehr zu tun.“

Besuch beim Papst

Thunberg sitzt daneben, lächelt still vor sich hin und sagt auf einer anschließenden Pressekonferenz, sie habe die Einladung des Präsidenten angenommen, weil sie eine große Chance sei, zu den Abgeordneten im Namen der vielen Jugendlichen zu sprechen, die das selbst nicht könnten. Außerdem wolle sie die ,,Gelegenheit nutzen, um politische Entscheidungen zu beeinflussen“.

Dann wird die 16-Jährige gefragt, was sie bei ihrem geplanten Besuch beim Papst sagen wolle. „Das weiß ich noch nicht“, antwortet sie unbekümmert. „Aber vermutlich wird es wohl um Klimaschutz gehen.“ Und den vielen jungen Europäern, die ihren Auftritt vielleicht später im Fernsehen erleben werden, ruft sie zu: ,,Ihr solltet euren Kampf fortsetzen, weil ihr einen guten Job macht.“ Greta Thunberg hinterlässt an diesem Tag Spuren.