Politik

Gute Gründe

Jahrzehntelang waren sich Mediziner, Sozialarbeiter und Politiker einig: Wer einen HIV-Test macht, braucht dabei professionelle Begleitung. Das aber dürfte sich schon bald ändern. Nach Plänen des Bundesgesundheitsministeriums soll es ab Herbst frei verkäufliche Selbsttests geben – und sogar die einst skeptische Deutsche Aids-Hilfe heißt das gut. Der Sinneswandel kommt dabei nicht von ungefähr, für einen freien Verkauf gibt es viele gute Gründe.

Da wäre zunächst einmal der medizinische Fortschritt. Das HI-Virus, das die tückische Immunschwächekrankheit Aids auslösen kann, hat einiges von seinem Schrecken verloren. Noch bis in die 1990er Jahre kam die Diagnose einem Todesurteil gleich – und damit sollte kein Patient allein am Küchentisch konfrontiert werden. Doch heute ist die Situation glücklicherweise ungleich besser. Eine Infektion lässt sich gut mit Medikamenten kontrollieren. Die Lebenserwartung von Betroffenen liegt hierzulande kaum unter der der restlichen Bevölkerung.

Ein zweiter Grund, der für eine Freigabe spricht, ist die Weiterentwicklung der Heimtests. Diese ähneln einer Blutzuckermessung und sind mittlerweile fast so zuverlässig wie Laboranalysen. Allerdings gibt es auch heute noch die – wenn auch geringe – Möglichkeit, dass das Ergebnis fehlerhaft ist. Zeigt der Teststreifen eine Infektion an, muss dies auf jeden Fall mit einem anderen Verfahren überprüft werden, erst dann gilt die Diagnose als gesichert.

Dennoch: Die Vorteile überwiegen deutlich. Unkomplizierte Schnelltests, die anonym und allein durchgeführt werden können, erreichen Studien zufolge viele Menschen, die zuvor eine Stigmatisierung befürchteten. Das Robert-Koch-Institut in Berlin etwa geht davon aus, dass allein in Deutschland 12 700 Personen mit dem HI-Virus leben, ohne etwas davon zu wissen. Bei rund 90 000 Betroffenen entspricht das einer Quote von 14 Prozent. Die Heimtests könnten daher dazu beitragen, endlich das von der Weltgesundheitsorganisation WHO angestrebte Ziel zu erreichen, wonach 90 Prozent der Betroffenen über ihre HIV-Infektion informiert sein sollten.

Davon würden nicht nur Sexualpartner profitieren. Auch für Betroffene selbst ist Wissen heutzutage die beste Option. Denn je früher sie mit der Behandlung beginnen, desto geringer sind die Schäden, die das Virus in ihrem Körper anrichten kann. Noch viel zu oft erfahren Männer und Frauen erst dann von einer Ansteckung, wenn die Krankheit Aids bei ihnen ausbricht. Die aber ist nach wie vor lebensgefährlich – trotz des medizinischen Fortschritts.

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