Politik

Geschichte Kritik am Rahmen der Übergabe von sterblichen Überresten aus der Kolonialgeschichte an namibische Delegation

Herero-Chef beklagt „Völkermord“

Archivartikel

Berlin.Weder die weihevolle Musik noch die illustre Gesellschaft verhindern die Kritik von Vekuii Rukoro. „Völkermord!“, ruft der Chef der namibischen Volksgruppe der Herero vom Rednerpult in der Französischen Friedrichstadtkirche am Berliner Gendarmenmarkt. „So nennen wir das zu Hause.“ Die deutsche Regierung solle lernen, Verantwortung zu übernehmen, fordert der Mann in roter Uniform, der der traditionelle Führer der Herero ist.

Was Rukoro so erzürnt, ist der Umgang der Bundesregierung mit einem der düstersten Kapitel der deutschen Kolonialgeschichte. Die Bundesregierung nehme die grausamen Verbrechen vor über hundert Jahren noch nicht ernst genug. Ob denn Deutschland keine großen und würdigen Regierungsgebäude habe, um der Übergabe sterblicher Überreste aus Namibia Raum zu bieten, fragt Rukoro mit Blick auf die Kirche, in der er steht. Er hat bei einem New Yorker Gericht Klage auf deutsche Entschädigungszahlungen eingereicht, wofür aus Sicht der Bundesregierung die Grundlage fehlt. Von Völkermord spricht sie erst seit 2015.

Truppen des Kaiserreichs rotteten die Herero und Nama zwischen 1904 und 1908 im damaligen Deutsch-Südwestafrika fast aus. Ungefähr 65 000 der 80 000 Herero und mindestens 10 000 der 20 000 Nama wurden getötet, bevor die Schreckensherrschaft der Kolonialherren 1915 nach mehr als drei Jahrzehnten endete. Deutsche brachten sterbliche Überreste mit nach Hause und studierten dort angebliche Rassenmerkmale der Knochen.

Nun kehren 19 Schädel sowie Knochen und Hautfetzen nach Namibia zurück, die Überreste von insgesamt 27 Menschen. „Wir wollen unsere Mütter, Väter, Kinder zur Ruhe betten“, sagt Johannes Isaaack, Häuptling der Nama. „So lange sie nicht ruhen, wird Gott uns allen nicht den nötigen Frieden geben.“

Die Evangelische Kirche Deutschlands und ihre namibischen Kollegen geben in der Zeremonie vor der Übergabe Trauer und Hoffnung einen Rahmen. Doch warum sprechen hier Theologen, bevor Politiker zu Wort kommen, warum in einer Kirche?, fragt sich nicht nur Herero-Chef Rukoro.

Müntefering nach Windhuk

Der Staat ducke sich weg, so der Hamburger Historiker Jürgen Zimmerer. Er hätte es besser gefunden, die Übergabe im Auswärtigen Amt zu machen. „Bei der Aufarbeitung des kolonialen Erbes hat Deutschland noch einiges nachzuholen“, gibt die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Michelle Müntefering zu, die die Gebeine in die namibische Hauptstadt Windhuk begleiten wird, wo sie morgen mit einem Staatsakt empfangen werden sollen.