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Hoch gepokert

Archivartikel

Der Mut zum Risiko hat sich für Cem Özdemir nicht ausgezahlt. Es gibt viele Gründe dafür, warum er trotz seiner größeren Popularität die Kampfkandidatur gegen den Parteilinken Anton Hofreiter verloren hat. Da ist die komplizierte Machtbalance bei den Grünen: Als seine Mitstreiterin Kirsten Kappert-Gonther gegen Amtsinhaberin Kerstin Göring-Eckardt so klar verloren hatte, war die Sache auch für Özdemir praktisch vorbei. Weil die Parteichefs Robert Habeck und Annalena Baerbock wie Göring-Eckardt zu den Realpolitikern gehören, war Hofreiter als letzter Vertreter des linken Flügels in einem Spitzenamt unantastbar.

Das Lagerdenken zählt bei den Grünen mehr als Leistung. Es steht ja außer Frage, dass Özdemir der Bundestagsfraktion mehr Gehör verschafft hätte als Hofreiter. Der Anfang vom Ende der Kampfkandidatur zeichnete sich aber schon ab, als Özdemir keine hochrangige Vertreterin des linken Flügels als Partnerin gewinnen konnte.

Offensichtlich hatte es aber auch unter den Realpolitikern Vorbehalte gegen Özdemir gegeben. Denn in seinen zehn Jahren als Parteichef hatte sich der 53-Jährige mit politischen Alleingängen hervorgetan. Dabei leben die Grünen aktuell in der Überzeugung, dass Geschlossenheit einer der wichtigsten Gründe für ihr aktuelles Umfragehoch ist. Dabei ist die Stimmung gerade etwas labil, weil sich bei den letzten Wahlen in Sachsen und Brandenburg die großen Erwartungen nicht voll erfüllt haben. Da war manchem Abgeordneten das Projekt Özdemir zu riskant. Wenn man mehr zu verlieren hat, wagt man weniger.

Vorläufig ist die Entwicklung über den Oberrealo hinweggegangen. Noch 2017 bei den letztlich gescheiterten Koalitionsverhandlungen mit Union und FDP war er der Star seiner Partei, dem das geliebte Außenamt nicht zu nehmen schien. Als die FDP das Bündnis doch platzen ließ, stand Özdemir mit leeren Händen da. Nun ist er mit seinen 53 Jahren trotz seiner Schwächen ein politisches Talent, das die eigene Partei nicht angemessen einsetzt.

Nach der klaren Niederlage wird es für Özdemir schwerer, bei einer Beteiligung der Grünen nach der nächsten Bundestagswahl an ein Ministeramt zu kommen. Denn ein Dämpfer ist die klare Niederlage zweifellos. Anders sieht es aus, wenn in Baden-Württemberg Winfried Kretschmann in ein paar Jahren aufs Altenteil geht. Bis dahin ist die Berliner Schlappe lange vergessen und Özdemir könnte beim Rennen um die Nachfolge wieder in der ersten Startreihe stehen. Seine Fähigkeit als Stehaufmännchen hat der Schwabe mit türkischen Wurzeln schon oft bewiesen.

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