Politik

Chemnitz In der sächsischen Stadt am gleichnamigen Fluss ist ein ausgeprägtes rechtes Netzwerk aktiv

Im Klammergriff der Rechten

Archivartikel

Chemnitz.Am 1. Mai war es ein riesiges Banner gegen eine Neonazi-Demo, am 3. September soll es ein Gratis-Konzert der angesagten Rapper Casper und Marteria als Reaktion auf jüngste rechte Übergriffe sein: Chemnitz versucht, sich mit Kreativität gegen Rechts und Nationalismus zu stemmen. Unter dem Motto „#wirsindmehr“ ruft Casper via Twitter zu dem Konzert am Montag auf. Hinter dem Auftritt steckt ein Kulturbündnis unter der Schirmherrschaft der Rockband Kraftklub.

Die Stadt will Vielfalt präsentieren, sich lebenswert zeigen für Menschen aus aller Welt. Das Bild aber, das von Chemnitz insbesondere seit Sonntag um die Welt geht, ist das einer Stadt in der Hand von rechten Gruppierungen – einer Stadt, in der aus Demonstrationen heraus Ausländer attackiert werden oder sich Menschen mit hochgestreckten Mittelfingern, Hitlergruß und hassverzerrten Gesichtern als Rächer aufspielen.

„Wir haben aber in den letzten Tagen nicht nur betroffene und trauernde Menschen erlebt, sondern auch eine schwerwiegende Instrumentalisierung der Trauer“, sagt Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD). Vereinnahmt wurde der Tod eines 35-jährigen Deutschen, der nach Messerstichen starb. Tatverdächtig und in Untersuchungshaft sitzen ein Iraker und ein Syrer. Gemeinschaftlicher Totschlag lautet der Vorwurf.

Mehr als 11 000 Studenten

Die Einwohner von Chemnitz wollen ein freundlicheres Bild von sich vermitteln. Rund 246 300 Menschen leben in der Stadt. Damit ist Chemnitz die drittgrößte Stadt nach Leipzig (571 000) und Dresden (547 100) in den ostdeutschen Bundesländern. Dahinter folgen Magdeburg und Halle in Sachsen-Anhalt mit jeweils gut 238 000 Einwohnern.

Chemnitz, vor 875 Jahren am gleichnamigen Fluss gegründet, ist eine alte Industriestadt. Maschinenbau sowie Textil- und Autoindustrie bestimmten über Jahrhunderte die Entwicklung. Zu den wichtigsten Unternehmen gehören ein VW-Motorenwerk, Niles-Simmons Industrieanlagen oder Union Werkzeugmaschinen und das Modeunternehmen Bruno Banani.

Verknüpft sind die Industriezweige mit der Hochtechnologie wie dem Smart Systems Campus, einem Kompetenzzentrum für Mikrosystemtechnik. Zudem profitieren die Branchen von der angesehenen Technischen Universität. An acht Fakultäten studieren mehr als 11 000 junge Menschen. Etwas mehr als ein Viertel davon ist Ausländer. „Daran gemessen sind wir die internationalste Universität in Sachsen und im Bundesvergleich der staatlichen Universitäten die Nummer drei“, sagte Hochschulsprecher Mario Steinebach.

Wegen seiner Bedeutung als Wirtschaftszentrum auch für die Rüstungsindustrie war Chemnitz im Zweiten Weltkrieg Ziel von alliierten Bomben. Die Innenstadt wurde bei zwei Angriffen im Februar und März 1945 fast vollständig zerstört. Das Stadtzentrum wird daher heute von Neubauten dominiert.

1953 verlor Chemnitz für 37 Jahre seinen Namen und wurde in Karl-Marx-Stadt umbenannt. 1971 wurde dann das Karl-Marx-Monument aufgestellt, das bis heute Wahrzeichen der Stadt ist. Der „Nischel“ oder auch einfach „Kopp“ ist Treff- und Veranstaltungsort. Am Montag nutzten ihn rechte und gewaltbereite Gruppen als Kulisse für ihren Aufmarsch.

Spätestens seit dem Prozess in München gegen den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) ist geläufig, dass in Chemnitz ein ausgeprägtes rechtes Netzwerk vorhanden ist, das auch von Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe genutzt wurde. Eine 2016 erschienene Broschüre mit dem Titel „,Rechts‘ sind doch die anderen!?“ und die Internetseite www.wachsam-in-chemnitz.de beleuchten die Szene.

Konzert mit den Toten Hosen

Die jüngste Eskalation hat unter Flüchtlingen in Chemnitz für Unruhe gesorgt. „Ich habe Angst“, sagt Kubra Azimi. Die 24 Jahre alte Afghanin hat sich nach eigener Aussage seit Montag nicht mehr allein aus dem Haus getraut. Auch in den nächsten Tagen könnte es unruhig werden. Die AfD und das ausländerfeindliche Bündnis Pegida kündigten für Samstag eine Demonstration an. Insgesamt sind nach Angaben der Stadt bis Sonntag sechs Demonstrationen angemeldet. Dagegen formieren sich am Montag unter dem Motto „Wir sind mehr“ Musiker gegen Rechts. Neben Kraftklub treten unter anderen die Toten Hosen und K.I.Z. bei einem Konzert auf.