Politik

Abstimmung Vor der Parlamentswahl kursieren jede Menge Gerüchte in den sozialen Medien

Indische Parteien kämpfen im Internet

Dubai/New Delhi.Das körnige Schwarz-Weiß-Foto auf WhatsApp zeigt Bond-Girl Ursula Andress im Bikini, doch angeblich soll es die 72-jährige Politikerin Sonia Gandhi von der indischen Kongress-Partei sein. Auf Facebook zirkuliert ein Bild von Indiens Oppositionsführer Rahul Gandhi, dessen Konterfei stolz das Burj Al Arab in Dubai, das höchste Gebäude der Welt, schmückt. Doch das tausende Mal geteilte Foto ist getürkt. Indien wählt ab heute ein neues Parlament. Doch anders als bei vorhergegangenen Abstimmungen werden Indiens 900 Millionen Wähler von einer Flut von Gerüchten, Desinformationen und Fälschungen in den sozialen Medien bombardiert. 87 000 WhatsApp-Gruppen dienen allein dem Zweck, Millionen Wähler zu beeinflussen.

Um die 430 Millionen Inder haben ein Smartphone, eine halbe Milliarde nutzen das Internet, 300 Millionen sind auf Facebook, 270 Millionen benutzen den Nachrichtendienst WhatsApp, 30 Millionen sind auf Twitter, unter anderem Indiens Premierminister Narendra Modi. Modi ist ein wahrer Virtuose des 280-Zeichen-Dienstes. Der Hindunationalist, der seit 2014 Indien mit seiner Bharatiya Janata Partei (BJP) regiert, war einer der ersten Politiker, der den politischen Stellenwert der neuen Medien begriff. Schon 2014 nutzte er den ungefilterten Zugang zur Wählerschaft, um sein Image als Macher zu propagieren. Auch diesmal hat Modi geschickt agiert. Auf Twitter gab er sich den Beinamen „Chowkidar“, zu deutsch: Wächter. Damit spielt er geschickt auf die jüngsten Grenzscharmützel zwischen Indien und dem verfeindeten Nachbarland Pakistan an.

Hausgemachte Fake-News-Küche

Anders als in anderen Staaten ist Indiens Fake-News-Küche hausgemacht und trägt nicht die Handschrift fremder Länder. Dank Internet verbreiten sich gestreute Gerüchte rasend schnell selbst bis in abgelegene Dörfer. Die Analphabetenquote ist hier besonders hoch – ein fruchtbarer Boden für erfundene Meldungen. Im vergangenen Jahr gab es eine Kette von Lynchmorden an Muslimen, ausgelöst durch Internet-Gerüchte über den verbotenen Konsum von Rindfleisch. Für Hindus gelten Kühe als heilig.

Die hindunationalistische Regierung zeigt gar kein Interesse daran, die sozialen Medien stärker in die Pflicht zu nehmen. Whatsapp ist eine der schärfsten Waffen, die die regierende BJP-Partei aufbieten kann. Deren Anhänger haben eine schlagkräftige Cyber-Armee gebildet. Um die 1,2 Millionen Freiwillige sollen vor den Wahlen die Parteikampagnen in den sozialen Medien führen. Im Bundesstaat Uttar Pradesh sind Parteimitglieder angewiesen, WhatsApp-Gruppen mit mindestens 50 Mitgliedern ins Leben zu rufen. Hier werden Videos geteilt, die etwa beweisen sollen, dass die Kongresspartei nur Muslime favorisiert. Die Modi-App „NaMo“ liefert unverfroren Propaganda über den Premierminister. Falschinformationen machen auch hier die Runde: etwa dass Pakistans Premierminister in der Öffentlichkeit geweint habe, nachdem Modi ihn verwarnt habe. Mehr als zehn Millionen Inder haben die mobile Anwendung heruntergeladen.

Im Informationskrieg präsentiert die BJP Modi als den starken Mann, vor dem die ganze Welt Angst hat. Damit liegt die Partei offenbar gut im Rennen. Laut Prognosen dürfte Modi sich eine zweite Amtszeit sichern, obwohl er innenpolitisch wenig zu bieten hat. Der hindunationalistische Premier hatte Arbeitsplätze versprochen und „ache din“, gute Tage für alle Inder. Nichts davon ist eingetreten – stattdessen haben Modi und sein Parteichef Amit Shah die religiöse Karte ausgespielt und das Land polarisiert – zugunsten eines radikalen Hinduismus.