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Brexit Verträge zwischen Brüssel und London müssen bis September ausgehandelt sein, um rechtzeitig verabschiedet werden zu können

Jetzt geht es ums Geld

Archivartikel

Brüssel.Die Tonlage wird deutlich rauer. Als Michel Barnier, Chefunterhändler der Europäischen Union (EU), der die nun beginnenden Verhandlungen Brüssels mit dem Vereinigten Königreich über die künftigen Beziehungen von europäischer Seite leiten wird, am Montag die Eckpunkte der 27er-Union vorstellte, war kein Platz mehr für Freundlichkeiten. „Wir wollen eine ambitionierte Partnerschaft“, sagte der Franzose in Brüssel, „aber das ist nicht dasselbe wie eine Mitgliedschaft.“

Es werde zwei voneinander getrennte Märkte geben und keine Harmonisierung von Regeln. Alle aus dem Vereinigten Königreich „importierten Güter und Dienstleistungen müssen den EU-Standards entsprechen“, hieß es weiter. Also kein Platz für ein „business as usual“, für eine Fortführung des Tagesgeschäfts wie bisher.

Folgen für die Forschung

Je mehr Standards London akzeptiere, desto mehr sei die EU bereit, den Binnenmarkt für die britische Wirtschaft zu öffnen. Barnier: „Die Antwort der Briten auf unsere Forderungen wird entscheidend sein für die Qualität unserer künftigen Beziehungen.“ Und dabei gehe es um wichtige Fragen der gemeinsamen Kooperation – beispielsweise in der Forschung unter dem Dach des milliardenschweren Förderprogramms „Horizon2020“.

Auch Konsequenzen für das Studenten- und Auszubildendenaustauschprojekt Erasmus+ seien nicht ausgeschlossen. Die roten Linien, die die Europäische Kommission gestern als Verhandlungsmandat beschlossen hatte, bieten „keine Überraschungen“, wie Barnier selbst zugab.

Tatsächlich ergeben sie sich zu großen Teilen aus dem Austrittsvertrag sowie der politischen Erklärung über die beiderseitigen Beziehungen. Ein Handelsabkommen müsse alle Bereiche, die für die Verhandlungen von Interesse seien, abdecken, sagte Barnier weiter und zählte auf: Handel und Wirtschaft, Verbraucherschutz, Klimaneutralität, Strafverfolgung, Zusammenarbeit in Justizfragen sowie in der Sicherheitspolitik.

Besonders heftig dürfte um die Fischereipolitik gestritten werden. Ohne Einigung dürfen Kutter aus der EU nicht mehr in den britischen Fanggründen ihre Netze auswerfen – umgekehrt allerdings auch nicht. Schon in der Vergangenheit war es auf hoher See zu gegenseitigen Attacken von Fischern gekommen. Die EU würde am liebsten alles so lassen, wie es ist. Doch die britische Regierung wird von den eigenen Fischern massiv bedrängt, den europäischen Trawlern künftig die Einfahrt in die Hoheitsgewässer zu untersagen.

Auch Finanzbranche betroffen

Während der britische Premierminister Boris Johnson gleichzeitig in London derartige Festlegungen und vor allem die Übernahme der europäischen Standards zurückwies, will die EU hart bleiben. Zu groß ist die Befürchtung, dass es auf dem Binnenmarkt zu einem Dumping-Wettbewerb kommen könnte, sollten die Unternehmen im Vereinigten Königreich sich künftig nicht mehr an den höheren europäischen Auflagen orientieren müssen.

Das gilt im Übrigen für alle Wirtschaftsbereiche, also auch für die Finanzbranche, die – wie Barnier betonte – künftig nicht mehr unter europäischer Aufsicht stehe. In Brüssel hieß es am Montag, die Verhandlungen mit London sollten „sofort“ beginnen, da man keine Zeit zu verlieren habe. Denn laut Fahrplan müsste ein Vertrag mit Großbritannien am 31. Dezember nicht nur fertig, sondern auch ratifiziert sein, weil sonst die Gefahr eines harten Bruchs ohne Abkommen droht.

Damit wird der Druck noch größer, denn es bleiben keine elf, sondern höchstens acht Monate, um alle offenen Fragen zu beantworten.

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