Politik

US-Wahlkampf Der Präsidentschaftskandidat der Demokraten hat noch keinen Weg gefunden, Donald Trump herauszufordern

Joe Biden – Kandidat ohne Kurs

Archivartikel

Washington.Die Wahlkampfkundgebung des designierten Präsidentschaftskandidaten der Demokraten in Tampa im US-Bundesstaat Florida begann wie immer. Ein Schüler rezitierte den Treueschwur, ein örtlicher Mobilisierer warb Freiwillige und ein DJ spielte Rhythm & Blues. Dann meldete sich aus dem „Off“ eine unsichtbare Stimme: „Bin ich zu sehen?“ Unbeabsichtigt formulierte Joe Biden damit die Gretchenfrage des Covid-19-Wahlkampfs, der den Herausforderer Donald Trumps seit März in den Keller seines Hauses in Wilmington im US-Bundesstaat Delaware verbannt hat.

Ansprache aus der Distanz

Dort richtete die Partei dem Kandidaten ein Fernsehstudio ein, aus dem sich Biden regelmäßig in den lokalen Medien der alles entscheidenden Wechsel-Wählerstaaten zu Wort meldet. In Tampa probierte er eine virtuelle Kundgebung aus, die nicht nur wegen der stockenden Zappel-Bilder und peinlichen Pausen problematisch war. Biden wirkte so distanziert, wie er räumlich tatsächlich war. Tausende Kilometer entfernt vom Ort des Geschehens.

Er würde gerne erleben, dass er aus dem Keller herauskommt und spricht, verspottete Trump den bisherigen Wahlkampf seines Konkurrenten. Und der Wahlkampfmanager des Präsidenten, Brad Parscale, warnte Biden, er könne sich nicht verstecken. In Kürze werde man zum ersten Mal den „Fire“-Knopf drücken, kündigte er einen Frontalangriff an.

Die beiden erfolgreichen Architekten der Wahlkämpfe Barack Obamas, David Axelrodt und David Plouffe, sind sich in diesem Punkt mit Trumps Wahlstrategen überraschend einig. Online-Reden aus dem Keller reichten nicht, schrieben sie Biden in einer Kolumne in der New York Times ins Stammbuch. Er komme damit wie ein Astronaut rüber, der sich von der Internationalen Raumstation auf der Erde melde. Bidens größter Vorteil in dem sich abzeichnenden Wahlkampf ist auch sein größter Fluch. In der Pandemie verkörpert der Demokrat für die im Kern verunsicherten Amerikaner ein Stück unaufgeregte Normalität.

Als Vizepräsident Barack Obamas organisierte er nach dem Absturz der Finanzmärkte 2008 den Wiederaufbau der Wirtschaft und bewies Kompetenz bei der Handhabung der Ebola und H1N1-Krise. Der Zwang unter Covid-19 soziale Distanz zu halten, nimmt dem 77-Jährigen aber auch etwas von seinem größten Vorteil weg. Bidens menschliche Wärme und die aus eigener schmerzhafter Erfahrung erworbene Fähigkeit, echtes Mitgefühl zu zeigen. Qualitäten, die dem Präsidenten fehlen.

In diesem Kontext spielen auch die Belästigungsvorwürfe der ehemaligen Mitarbeiterin seines Senatsbüros in Washington, Tara Reade, eine Rolle. Ihre mehrfach veränderten Schilderungen der Ereignisse vor fast drei Jahrzehnten werden von Biden bestritten und von keinem ihrer 21 ehemaligen Kollegen bestätigt. In einem Meinungsstück für das Magazin „MEDIUM“ outete sie sich 2018 als glühende Verehrerin des russischen Autokraten Wladimir Putin. Allein das sollte hell aufhorchen lassen, nachdem Russland sich 2016 schon einmal zugunsten des ausgewiesenen Sexisten Trump in den Wahlkampf eingemischt hatte. Bisher zeigen die Vorwürfe jedenfalls keine Wirkung in den Umfragen. Im Gegenteil: Biden hält konstant einen Neun-Punkte-Vorsprung vor Trump und führt stabil in Wechselwähler-Staaten wie Michigan, Wisconsin, Florida, Arizona und Pennsylvania, die im November darüber entscheiden, wer die Mehrheit im Wahlmänner-Kollegium gewinnen wird.

Doch um Trump ernsthaft herauszufordern, braucht Biden dringend eine robuste Strategie, die ihn als Alternative sichtbar macht. Die aus dem Off gestellte Frage „Bin ich zu sehen?“ muss bisher mit einem klaren „noch nicht“ beantwortet werden.

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