Politik

Medien Anke Vehmeier von der Bundeszentrale für politische Bildung über sich ändernde Kultur bei Lokalzeitungen

Journalismus: Zeiten der Einbahnstraße sind vorbei

Bonn.Kommunikation im 21. Jahrhundert bedeutet Revolution. Wir erleben einen grundlegenden strukturellen und inhaltlichen Wandel der Medien. In immer kürzerer Zeit entstehen immer neue Angebote, die bestehende Kommunikationssysteme und Medienkanäle abrupt und disruptiv verändern. Internet und Social Media haben die bis dato etablierte Medienwelt auf den Kopf gestellt. Man erinnere sich, noch vor wenigen Jahren war Kommunikation eine Einbahnstraße: Es gab die Produzenten der Information auf der einen Seite, die Journalisten in den Redaktionen von TV- und Radiosendern und bei den Zeitungsverlagen.

Sie produzierten Nachrichten und Storys und sendeten sie an das jeweilige Publikum auf der anderen Seite. Die Empfänger und ihre Rolle waren in diesem System klar definiert und somit auf gewisse Weise der Arbeit der Medien „ausgeliefert“. Sie konnten nur konsumieren oder sich abwenden. Wollten sie auf einen Beitrag reagieren oder Kritik üben, waren die Wege relativ steinig. Manch einer erhielt aus der Redaktion die, nicht selten barsche, Antwort: „Dann schreiben Sie doch einen Leserbrief.“

Chancen auf Vielfalt

Durch die sogenannten sozialen Medien kann heute jeder Bürger und jede Leserin zum Sender werden. Zwar erreichen eher wenige eine große Reichweite, dennoch haben sie ihre Meinung veröffentlicht, sie ist jedermann zugänglich, sie existiert im Universum der Information. Blogger oder private Internetportale, wie zum Beispiel nebenan.de, nutzen diese Möglichkeiten, mancherorts ersetzen sie bereits die zuvor etablierten Nachrichtenproduzenten. Vor ein paar Jahren war dies besonders im hyperlokalen Raum festzustellen: Da, wo sich Tageszeitungsverlage etwa aus der Stadtteilberichterstattung oder aus der Fläche zurückzogen, weil sie Stellen einsparen wollten, schossen die lokalen Blogs aus dem Boden.

Das war zunächst keine schlechte Nachricht für das Verhältnis von Information, Meinungsfreiheit und Demokratie. Denn mehr Angebote und Konkurrenz erhöhen die Chancen auf Vielfalt in den Medien - und tatsächlich wird auch rege Gebrauch davon gemacht. Die Menschen werden selbst zu Sendern, teilen ihre Meinung mit und kommentieren Nachrichten auf Facebook oder Twitter. So entsteht eine neue Lebendigkeit und das ist gut. Denn die Demokratie kann nur überleben, wenn sie sich von der passiven „Zuschauerdemokratie“ zur aktiven „Teilnehmendendemokratie“ wandelt. Die Bürgerzeitung ist ein gutes Beispiel dafür. Sie lebt von der intensiven Zusammenarbeit von Redaktion, Medienhaus sowie Leserinnen und Lesern und rückt die regionale und lokale Berichterstattung stärker in den Mittelpunkt. Sie dockt damit noch näher an die Lebenswirklichkeit des Publikums an. Inzwischen ist aber auch die Kehrseite der Medaille der Social Media nicht mehr zu übersehen. Denn nicht jeder Beitrag, der auf irgendeinem Portal veröffentlicht wird, ist qualitativ hochwertiger Journalismus.

Fundament der Demokratie

Es schossen eben nicht nur die lokalen Blogs wie Pilze aus dem Boden, sondern auch zwielichtige Seiten, die allen möglichen Unsinn verbreiten: Verschwörungstheorien, wonach die Amerikaner nie auf dem Mond gelandet seien oder hinter jedem Verbrechen ein Geheimbund oder das „internationale Finanzkapital“ stecke. Mag die Behauptung noch so abstrus sein: Es gibt immer jemanden, der sie glaubt und weiter verbreitet. „Lügenpresse“ beschimpfen die einen die etablierten Medien, „Fake News“ skandieren die anderen. Die erweiterten Sendemöglichkeiten werden eben auch von Populisten und Manipulatoren jeder Art genutzt, denen nicht an einer objektiven Information der Bürger liegt, sondern an der Spaltung der Gesellschaft.

Die Möglichkeit, auf objektive, solide recherchierte Informationen zurückgreifen zu können und sich seine eigene Meinung bilden zu können, ist ein Fundament der Demokratie. Es ist die Ironie der Geschichte des Internets, dass durch die erweiterten Möglichkeiten eine Gefahr für die Demokratie entstanden ist. Doch es gibt kein Zurück, nur ein Vorwärts. Viele Medienhäuser haben das erkannt. Heute erklären sie ihren Lesern, Hörern oder Zuschauern besser als noch vor fünf Jahren, wie sie arbeiten und wie Nachrichten entstehen. Faktenchecks, Bemühungen um eine bessere Leser-Blatt-Bindung, Werbung um Vertrauen: Die traditionellen Medien versuchen, Boden gutzumachen. Dieses Engagement trägt Früchte.

Der „Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen“ zufolge ist das Vertrauen in die Medien wieder gewachsen. 44 Prozent der Bürger vertrauen demzufolge heute den Medien. 2017 waren es noch 42 Prozent, 2016 41 Prozent. Im Jahr 2015, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, lag der Wert nur bei 28 Prozent. Im Übrigen ist der Glaubwürdigkeitswert der Zeitungen unter allen Medien nach wie vor am höchsten: 38 Prozent der Bevölkerung finden sie am glaubwürdigsten. Danach erst folgen das öffentlich-rechtliche Fernsehen (19 Prozent) und der öffentlich-rechtliche Hörfunk (12 Prozent). Aber es gibt keinen Grund sich zurückzulehnen. Nötig sind Investitionen in guten Journalismus, Augenhöhe mit den Bürgern. Zuhören und die Menschen ernst zu nehmen, ist das erste Gebot. Denn eins ist sicher: Die Zeiten der Einbahnstraße sind vorbei.

Ein Gastbeitrag von Anke Vehmeier

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