Politik

Mannheim Angst vor Anfeindungen wächst

Jüdische Gemeinde alarmiert

Mannheim/Heidelberg.Sie ist „geschockt und entsetzt“: Für Rita Althausen, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Mannheim, sind die Schüsse in Halle „nicht nur ein Angriff auf die Synagoge dort, sondern auf alle Menschen, auf die ganze Demokratie“. Althausen findet es „entsetzlich und verwerflich, wirklich eine Schande, dass Menschen beim Beten angegriffen werden“. Doch sie sei dankbar, dass trotz der Vorkommnisse der Gottesdienst am Mittwochabend in der Mannheimer Synagoge voll besetzt gewesen sei: „Es war ein gutes Zeichen, dass wir uns nicht unterkriegen lassen, dass wir zu unserem Glauben stehen“, betonte sie. Aber „ein mulmiges Gefühl ist irgendwie da“, räumte sie ein.

Philipp von Piechowski saß gerade in der Synagoge, als die Nachrichten aus Halle eintrafen. „Viele waren total alarmiert, aufgeschreckt und erschüttert, einige haben geweint“, berichtet er. Gerade ein Attentat an Jom Kippur, dem Versöhnungsfest, treffe die jüdische Gemeinschaft ins Herz: „Niemand von uns hat den Jom-Kippur-Krieg vergessen, der fast das Ende des jüdischen Staates bedeutet hätte“, erinnert er an den Angriff der Araber genau an diesem höchsten jüdischen Feiertag 1973.

Nur ohne Kippa unterwegs

Laut Philipp von Piechowski gibt es inzwischen „ein wachsendes Gefühl der Bedrohung“ unter den Mitgliedern der Jüdischen Gemeinden, „und das war früher nicht so“. „Ich traue mich nicht mehr, eine Kippa oder andere jüdische Symbole in der Öffentlichkeit zu tragen“, gibt er zu. Er selbst und andere hätten bereits – auch in Mannheim – erlebt, dass Menschen dann vor ihnen auf den Boden gespuckt hätten.

„Ich fühle mich nicht adäquat beschützt von Politik und Justiz, die wollen es einfach nicht wahrhaben“, sagt ebenso Michael Friedman. Für ihn sei etwa völlig unverständlich, dass vor wenigen Tagen ein Mann wieder freigelassen wurde, der in Berlin einen Wachmann der Synagoge mit einem Messer angegriffen habe. „Ich fühle mich nicht sicher, weil Politik und Justiz nichts machen, die Strafen zu gering sind“, beklagt ebenso Georg Stern: „Der Antisemitismus ist latent wieder da, man spürt das auch im Alltag“, sagt er.

Etwas gelassener reagiert Esther Graf. Zunächst sei sie natürlich auch „schockiert und entsetzt“ über die Ereignisse gewesen. Dass die Synagoge in Halle keinen Polizeischutz gehabt habe, empfinde sie als „Schlag ins Gesicht“, so Graf. „Nüchtern betrachtet fühle ich mich aber nicht weniger sicher als zuvor, denn es war ein fanatisierter Einzeltäter“. In Mannheim, wo sie viele jüdische Kulturveranstaltungen organisiere, habe sie dagegen noch keine Anfeindungen erlebt: „Hier funktioniert das Zusammenleben sehr gut!“

In Heidelberg beteiligten sich am Donnerstagabend rund 150 Teilnehmer an einer Mahnwache auf dem Synagogenplatz – darunter war auch ein Vertreter der Ahmadia-Gemeinde. (mit miro)

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