Politik

Kaum Wohnungen, kaum Autos, kaum Männer - Zeitreise ins Jahr 1949

Was war vor 70 Jahren anders als heute? Fast alles. Schneller zu beantworten ist die Frage: Was war ähnlich? Wie heute gab es Wohnungsnot - nur viel mehr. Deutschland war eine Trümmerwüste, wobei die Alliierten in erster Linie nicht Industrie-, sondern Wohngebiete bombardiert hatten. Wie heute gab es Flüchtlinge - nur viel mehr. Fast acht Millionen Vertriebene hatten sich nach Westdeutschland durchgeschlagen und wurden dort oft übel angefeindet.

Berlin.Wie heute gab es Nazis - nur viel mehr. Einer Meinungsumfrage von 1949 zufolge war eine Mehrheit der Deutschen davon überzeugt, dass der Nationalsozialismus eine gute Sache gewesen sei, wenngleich schlecht ausgeführt. 37 Prozent der Befragten in der amerikanischen Zone gaben 1946 an, dass «die Vernichtung der Juden und Polen und anderer Nichtarier für die Sicherheit der Deutschen notwendig» gewesen sei.

Vor 70 Jahren, am 23. Mai 1949, wurde das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland erlassen. Es gilt bis heute. Wer damals im Westen Deutschlands geboren wurde, hat sein ganzes Leben im selben Staat verbracht. Dennoch: Wenn man aus der heutigen in die damalige Bundesrepublik reisen könnte, würde man wohl einen Schock erleiden. Zumindest würde man sich schnell wieder zurückwünschen.

Die Straßen waren leer. Insgesamt existierten wohl eine halbe Million Personenwagen in Deutschland - heute sind es 47 Millionen, wie Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer angibt. Die Städte waren von Ruinen geprägt. In Köln, der am stärksten zerstörten Großstadt, schien die Lage so hoffnungslos, dass ernsthaft erwogen wurde, es an anderer Stelle wieder aufzubauen, nämlich weiter nördlich. Das hätte den Vorteil gehabt, dass man nicht erst den ganzen Schutt hätte wegräumen müssen.

Die damalige Bundesrepublik war so arm wie ein heutiges Dritte-Welt-Land. Von 1000 lebend Geborenen starben im Jahr 1946 knapp 100, also zehn Prozent. 1947 zeigten sich amerikanische Besucher schockiert über den Anblick ausgemergelter Kinder mit aufgeblähten Hungerbäuchen. 1948 war die größte Not mit der Einführung der D-Mark zwar vorüber - die plötzlich reich gefüllten Schaufenster waren im Rückblick für viele Westdeutsche der eigentliche Gründungsakt der Bundesrepublik - aber die wenigsten konnten sich diese Waren leisten. Gutes Essen blieb eine solche Besonderheit, dass es 1949 von Konrad Adenauer gezielt eingesetzt wurde, um sich an die Spitze des neuen Staates zu setzen.

Schauplatz dieses Handstreichs war sein Haus in Rhöndorf bei Bonn an einem heißen Augustsonntag, eine Woche nach der ersten Bundestagswahl. Es ging um die Frage: Welcher Politiker der siegreichen CDU wird jetzt Bundeskanzler? Der 73 Jahre alte Adenauer hatte starke Konkurrenz. Seine Strategie: nicht reden, sondern essen. Der CSU-Politiker Franz Josef Strauß erinnerte sich später: «Überwältigender Eindruck für uns ausgehungerte Großstädter war ein Buffet von einer Reichhaltigkeit, wie ich es auf Privatkosten Adenauers weder vorher noch nachher jemals erlebt habe.»

Als alle gesättigt, dankbar und wohl auch etwas angeheitert im Sofa saßen, verkündete Adenauer unvermittelt, «aus Parteikreisen» sei der Wunsch an ihn herangetragen worden, sich als Kanzler zur Verfügung zu stellen. Welche Parteikreise das gewesen sein sollten, blieb für immer sein Geheimnis. Doch ehe man groß reagieren konnte, erklärte er auch schon: «Ich bin trotz meiner Jahre grundsätzlich hierzu bereit.» Niemand hatte die Courage, zu widersprechen. Man wollte ja nicht undankbar sein.

Dicke hatten also Seltenheitswert in der Bundesrepublik von 1949. Und wo waren eigentlich die Männer? Auf 125 Frauen kamen kurz nach dem Krieg nur 100 Männer, bei den jüngeren Jahrgängen sogar auf 160 nur 100. Das führte dazu, dass viele Frauen berufstätig wurden. Wenn ihre Männer dann aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrten, konnten sie sich häufig nicht mehr damit abfinden, wieder in die Rolle des Hausmütterchens abgedrängt zu werden: 1950 verzeichnete die Bundesrepublik eine Scheidungsrate von 14,6 Prozent. Das war ein Wert, der erst Ende der 60er Jahre wieder erreicht wurde.

Arbeit gab es vor allem in der Landwirtschaft und in der Industrie. Das Ruhrgebiet - heute in vieler Hinsicht abgehängt - war das Kraftzentrum der jungen Bundesrepublik. Vor dem Wiedererstarken dieser größten Industrieregion Europas fürchtete sich vor allem die französische Regierung so sehr, dass Außenminister Robert Schuman 1950 eine überstaatliche Kontrolle der Schlüsselindustrien Kohle und Stahl vorschlug: Es war die Keimzelle der Europäischen Union.

Arbeit bestimmte das Leben, Verreisen konnte man nicht. Die meisten Berufstätigen hatten nur wenige freie Tage im Jahr und kaum Geld für das Nötigste. Erschwinglich war aber Kino: Der durchschnittliche Bundesbürger sah sich 16 Mal im Jahr einen Film an, 1949 zum Beispiel die «Berliner Ballade» mit einem spindeldürren Hauptdarsteller namens Gert Fröbe. Selbiger ging danach wie ein Symbol des Wirtschaftswunders in die Breite und mimte 1964 an der Seite von Sean Connery den berühmtesten aller Bond-Bösewichte, Auric Goldfinger.

Es gibt noch etwas, was einem heutigen Menschen mit Sicherheit höchst unangenehm auffallen würde, wenn er in das Deutschland des Jahres 1949 katapultiert würde: Er hätte das Gefühl, nicht mehr erreichbar zu sein. Kommunikation war für die allermeisten Menschen nur möglich im persönlichen Gespräch oder schriftlich per Brief. Aber viele Briefe kamen gar nicht an, weil die Adresse nicht mehr existierte, sondern dort nur noch ein Krater oder ein Geröllfeld zu finden war.

Fremd war den damaligen Menschen Nostalgie. Sie sahen nach vorn, nicht zurück - denn die Konfrontation mit den Nazi-Verbrechen und den Kriegserinnerungen hielten sie nicht aus. Die Deutschen seien in einen jahrelangen «Heilschlaf» verfallen, sagte der Historiker Götz Aly Ende 2017 in einem dpa-Interview. «Was bitteschön hätte die Generation-Sieg-Heil denn tun sollen? Es bedurfte zunächst einer Art von therapeutischem Koma.»

Die schreckliche Kriegserfahrung habe aber auch einen positiven Effekt gehabt, erinnert sich der Schauspieler Mario Adorf (88) im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur: «Ich habe einen Tieffliegerangriff überlebt. Danach ist mir immer klar gewesen, dass ich unglaubliches Glück gehabt hatte. Das hat mir eine Grundzufriedenheit gegeben.»

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