Politik

Landwirtschaft Saatgut, Pflanzenschutzmittel oder tierische Erzeugnisse – Agrarwissenschaftler erwartet trotz Pandemie keine Ausfälle

„Keine Hinweise auf Knappheit“

Archivartikel

Köln/Heidelberg.Die Corona-Pandemie fordert alle Bereiche des Lebens heraus – so stellt sich auch die Frage, ob und in welchem Umfang die Landwirtschaft und die Lebensmittelversorgung in Deutschland beeinträchtigt werden könnten. Die folgende Stellungnahme von Sebastian Hess, Leiter des Fachgebiets Agrarmärkte an der Universität Hohenheim, stellt das Science Media Center Germany zur Verfügung. Die Gründung der Kölner Wissenschaftsredaktion wurde möglich durch eine Förderzusage der Heidelberger Klaus Tschira Stiftung.

Kann die Coronakrise dazu führen, dass es zu Schwierigkeiten beim Anbau oder der Ernte von Ackerkulturen kommt?

„Für viele der wichtigsten pflanzlichen Kulturen wie Getreide und Ölsaaten ist die Aussaat bereits im vergangenen Herbst getätigt worden“, erklärt Agrarwissenschaftler Sebastian Hess. Saat- und Pflanzgut für wichtige Frühjahrskulturen wie Mais, Zuckerrüben und Kartoffeln würden durch Landwirte meist vor Beginn der Frühjahrsarbeiten eingelagert. Problematisch könnte es werden, wenn Saisonarbeitskräfte aus Osteuropa kurzfristig nicht mehr zur Verfügung stehen. Dies betreffe arbeitsintensive Kulturen wie Spargel und Erdbeeren. Der Versuch, deutsche Erwerbslose kurzfristig als Saisonarbeitskräfte zu rekrutieren, dürfte weder bei Landwirten noch bei Arbeitnehmern auf große Resonanz stoßen. Ein Grund: Auf dem Feld zu arbeiten sei nicht nur körperlich hart, sondern erfordere auch physisches Geschick im Umgang mit empfindlichen Produkten.

Wie sieht es mit Dünger und Pflanzenschutzmittel aus – könnten diese knapp werden?

Landwirtschaftliche Betriebsmittel würden üblicherweise bereits in den Herbst- und Wintermonaten eingelagert. Sie sind nicht auf Just-in-Time Lieferungen ausgelegt und durch kurzfristige Verzögerungen im Transport auf Straße oder Seeweg wenig verwundbar, so Hess.

Inwiefern könnten die Nutztier-haltung und die Herstellung tierischer Erzeugnisse unter Druck geraten?

„Im Bereich der Schlachtung von Rindern und Schafen ist nach gegenwärtigem Stand nicht zu erwarten, dass die vorhandenen Schlachthof-Kapazitäten durch die aktuelle Pandemie-Situation ernstlich infrage stehen“, so Hess. Im Bereich der Geflügel- und Schweineerzeugung stehe dies ebenfalls nicht an. Jedoch seien Tierhaltung, Transport und Schlachtung wesentlich enger durch Verträge und Zeitpläne aufeinander abgestimmt. „Sollten einzelne Schlachtbetriebe tatsächlich vorübergehend schließen oder ihre Kapazität reduzieren müssen, könnte es punktuell zu Engpässen kommen.“ Dies könnte zu längeren Transportwegen für die Tiere führen, um alternative Schlachtstätten zu erreichen. Im schlimmsten Fall müssten die Tiere getötet werden, ohne dass sie der weiteren Verwertung zugeführt werden können. Wegen der vielen Schlachtstätten erscheine dieses Szenario jedoch unwahrscheinlich.

Welche Bereiche in der Wirtschaftskette sind besonders anfällig für pandemie-bedingte Störungen?

Lieferketten im Nahrungsmittelbereich seien nach Angaben von Hess verwundbar durch die hohe Verderblichkeit vieler Agrarprodukte (Frischgemüse und Obst) und die damit zusammenhängenden Anforderungen an die Transport- und Verarbeitungslogistik. „Jede Einschränkung im Transport kann zum Beispiel zur Unterbrechung von Kühlketten führen oder vorhandene Lagerkapazitäten könnten nicht ausreichen.“ Für die wichtigsten Agrarprodukte würden allerdings Produktions- und Verarbeitungsstätten an unterschiedlichen Standorten existieren, so dass diese sich substituieren können und kaum die Gefahr von Engpässen droht. Lediglich bei speziellen Verarbeitungsprodukten, die nur in wenigen Betrieben hergestellt werden, könnten sich bei Werksschließungen kurzfristig Engpässe ergeben.

Ist es denkbar, dass es zu Engpässen und Versorgungs-unsicherheiten kommt, weil der internationale Handel nur eingeschränkt möglich sein wird?

„Je weiter Agrarprodukte weltweit gehandelt werden, umso besser sind sie meist auch lagerfähig, und je lagerfähiger ein Produkt ist, umso leichter lassen sich vorübergehende Verzögerungen im Transport wie durch lange Wartezeiten oder Kontrollen in Häfen ausgleichen“, erklärt Hess. Aktuell gebe es eine psychische Verunsicherung, aber keinerlei Hinweise auf eine physische Knappheit von Agrarprodukten, da es bisher nirgendwo in Deutschland und Europa zu nennenswerten Produktionsausfällen gekommen sei. Hierbei spiele auch eine Rolle, dass die Landwirtschaft sehr technisiert sei und mit relativ wenig Arbeitskräften auskomme. Bei arbeitsintensiven Spezialkulturen oder in Ländern, deren Agrarsysteme wesentlich stärker von menschlicher Arbeitskraft abhängen, könnten pandemie-bedingte Arbeitsausfälle zu Ertragsausfällen führen.

Wie werden sich die Preise der Agrarprodukte ändern?

„Die aktuelle Pandemie wird für die typischen Agrarprodukte wie Getreide, Zucker oder Ölsaaten, wenn überhaupt, eher zu einer Situation mit geschwächter Nachfrage bei mehr oder weniger gleichbleibendem Angebot führen.“ Die Wertschöpfungsketten für die wichtigsten Agrarprodukte seien netzartig über Länder, Regionen und Produktionsstandorte verteilt, so dass punktuelle Engpässe gut ausgeglichen werden können, so Hess. „Für die Weltmarktlage im Jahr 2020 wird daher weniger die Angebotsseite als die Entwicklung der Nachfrage entscheidend sein: Wird der Import wichtiger Importländer – wie zum Beispiel China – dauerhaft schwächer ausfallen?“ Wenn ja, könnte dies für exportorientierte Branchen im Agrarsektor Preiseinbrüche bedeuten. (mit mica)

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