Politik

Nachruf Ex-Außenminister mit 82 Jahren gestorben / Hans-Dietrich Genscher förderte die Karriere des FDP-Politikers

Klaus Kinkel - der schwäbische Un-Diplomat

Archivartikel

Berlin.Die Endlos-Sätze der bundesdeutschen Politik waren seine Sache nicht. Genauso wenig wie das Einerseits-Andererseits oder das Hätte-Wäre-Wenn. Klaus Kinkel gehörte zu den Leuten, die deutlich werden konnten, wenn sie etwas zu sagen hatten. Von allen Außenministern, die die Bundesrepublik bislang hatte, war er vielleicht der am wenigsten diplomatische. Jetzt ist der ehemalige FDP-Vorsitzende im Alter von 82 Jahren gestorben.

Bevor er Minister wurde, gehörte Kinkel bereits lange Zeit zu den Spitzenbeamten der Republik. Den Regierungsapparat kannte er wie kaum jemand sonst. Trotzdem legte er großen Wert darauf, kein typischer Berufspolitiker zu sein. Auf Kritik an seinem Stil entgegnete er: „Ich habe nie verborgen, dass ich eine offene und manchmal auch schwäbisch-raubauzige Art habe.“

Parteichef von 1993 - 1995

Eigentlich wollte Kinkel – geboren 1936 in Metzingen, in der schwäbischen Provinz – Arzt werden. Genau wie der Vater. Nach den ersten beiden Semestern an der Universität wechselte er aber zur Juristerei. 1964 machte er seinen Doktor, ging zum Staat, ins „Bundesamt für zivilen Bevölkerungsschutz“, wie das damals hieß, eine Unterbehörde des Innenministeriums. 1970 wurde er vom seinerzeitigen Ressortchef Hans-Dietrich Genscher (FDP) entdeckt.

Die nächsten Jahre war seine Karriere aufs Engste mit Genscher verknüpft. Der Innenminister machte ihn zum persönlichen Referenten und Büroleiter. Zu Kinkels heikelsten Aufgaben gehörte es, dem SPD-Kanzler Willy Brandt ein Dossier zu übergeben, das die Nachrichtendienste über dessen Privatleben angelegt hatten. Der Inhalt trug 1974 dazu bei, dass Brandt seinen Rücktritt einreichte.

Kurz darauf wechselte Kinkel zusammen mit Genscher ins Auswärtige Amt, zunächst als Chef des Leitungs-, dann des Planungsstabs. Über die Jahre wurde er, was die beiden FDP-Aufsteiger Guido Westerwelle und Jürgen Möllemann bei allen Ambitionen nie schafften: Genschers „politischer Ziehsohn“. Trotzdem blieben Kinkel und Genscher bis zum Schluss beim Sie.

1979 sorgte Genscher dafür, dass Kinkel als erster Zivilist Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND) wurde. Fast vier Jahre lang leitete er den Geheimdienst ohne größere Skandale. Kinkel bewies, dass er auch schweigen konnte. Dann zog es ihn zurück in den Politbetrieb, ins FDP-geführte Justizministerium. Zur gleichen Zeit traf ihn eine private Tragödie: Seine älteste Tochter – eines von vier Kindern – starb mit 20 Jahren bei einem Verkehrsunfall.

Als Staatssekretär und als Justizminister saß Kinkel an einer der Schaltstellen der schwarz-gelben Koalition von Kanzler Helmut Kohl (CDU). 1992, nach Genschers überraschendem Rücktritt, beerbte er seinen Förderer im Auswärtigen Amt. Nicht ohne Drama: Erst in einer FDP-internen Kampfabstimmung setzte er sich gegen Irmgard Adam-Schwaetzer durch, die sich schon als erste deutsche Außenministerin gefühlt hatte. Das Klima bei den Freidemokraten war danach vergiftet.

Im Bundestag bis 2002

Kinkel führte das Auswärtige Amt über sechs Jahre lang. Es waren die Jahre nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, die Jahre vor dem 11. September 2001. Verglichen mit heute einigermaßen ruhige Zeiten. Später sagte er einmal: „Die Welt war damals nicht in Ordnung. Aber sie schien es zu sein.“ In seine Amtsjahre fielen zum Beispiel der Völkermord in Ruanda und das Massaker an 8000 Bosniern in Srebrenica.

Zwei Jahre lang stand Kinkel an der FDP-Spitze von 1993 bis 1995. Nach mehreren Wahlniederlagen ließ er es nach einer Amtszeit sein. Kinkel – durchaus von einiger körperlicher Stärke und stolz darauf – wurde aufgerieben zwischen dem Stressjob im Auswärtigen Amt und den Machtspielen in der Partei. Nach der Abwahl von Schwarz-Gelb saß er bis 2002 im Bundestag. Später arbeitete er als Anwalt.

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