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Arbeitswelt Arbeitswelt: Immer wieder landen vor Gericht Fälle, weil Bewerber das Mindestmaß nicht erfüllen

Kleiner als die Polizei erlaubt

Mannheim.15 Millimeter sind eigentlich ein Klacks. Trotzdem entscheiden sie manchmal über die Zukunft. Diese Erfahrung machte eine Polizeibewerberin in Nordrhein-Westfalen. Die 22-Jährige wurde abgelehnt, weil sie zu klein ist. 1,5 Zentimeter fehlten der 161,5 Zentimeter großen Frau zum weiblichen Mindestmaß in ihrem Bundesland.
Das Verwaltungsgericht Düsseldorf urteilte im August: Die Mindestgrößen für Bewerber in Nordrhein-Westfalen – 1,63 Meter bei Frauen, 1,68 Meter bei Männern – sind unwirksam, das Land muss die Frau zum Auswahlverfahren zulassen. Der Grund sind aber nicht die 15 Millimeter. Studien, die Nordrhein-Westfalen 2016 unter anderem bei der Sporthochschule Köln in Auftrag gegeben hat, belegen, dass Männer und Frauen ab 1,63 Meter für den Dienst geeignet sind. Die Richter sahen es somit als unzulässig an, verschiedene Maßstäbe bei den Geschlechtern zu setzen. Männer unter 1,68 Meter würden benachteiligt.


„Die Mindestgröße von 1,63 Meter bei der Polizei in Nordrhein-Westfalen ist kein Bauchgefühl, sondern gewährleistet eine dauerhaft sachgerechte Aufgabenbewältigung“, argumentiert Victor Ocansey, Pressesprecher des Landesamts für Ausbildung bei der Polizei Nordrhein-Westfalen. „Ein Beamter der Bereitschaftspolizei muss ein Gewicht von rund 30 Kilogramm – Schutzkleidung, Einsatzhelm und Dienstpistole – über Stunden tragen können.“ Bei Einsätzen wie dem G20-Gipfel in Hamburg brauche man zudem „körperliche Präsenz und Robustheit“.
Der Fall der 22-Jährigen ist nicht der erste, der vor Gericht landete. So wurde 2016 einem Mann recht gegeben, dem zwei Zentimeter fehlten. Das Land habe keine wissenschaftlich nachweisbaren Gründe für die Mindestgröße vorlegen können, so das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen. Nordrhein-Westfalen ist in Berufung gegangen.


44 Anwärter in Hessen betroffen
Anders ging ein Fall in Hessen aus. Geklagt hatte eine Polizeibewerberin, die die Eignungstests überdurchschnittlich gut absolviert hatte. Sie ist 1,56 Meter groß, polizeidiensttauglich ist man in Hessen erst ab 1,60 Meter. Der Verwaltungsgerichtshof in Kassel urteilte: Zwar sei der Zugang zu einem öffentlichen Amt anhand von „Eignung und fachlicher Leistung“ zu entscheiden. Dazu gehörten aber auch körperliche Voraussetzungen wie die Größe. Erst ab 1,60 Meter könnten bestimmte Festnahmetechniken erfolgreich angewendet werden.
In den vergangenen zwei Jahren gab es in Hessen 44 Anwärter, die zu klein waren. „Das entspricht jeweils 0,3 Prozent der eingegangenen Bewerbungen“, sagt Tina Dixius von der Polizeiakademie Hessen. „Alle Bewerber müssen dieselben Voraussetzungen erfüllen.“ Das gilt auch in Baden-Württemberg: „Die Polizei macht bei der Mindestkörpergröße von 1,60 Meter keine Ausnahmen“, antwortet das Landesministerium für Inneres. Rheinland-Pfalz ist da großzügiger. 1,62 Meter lautet das Mindestmaß, 19 Bewerber haben dieses im vergangenen Jahr unterschritten – und wurden trotzdem genommen. „Es gibt einen speziellen Testtag. Da wird geprüft, ob sie es schaffen, die schwere Schutzausrüstung zu tragen, oder ob die Hand groß genug ist, die Pistole anständig zu bedienen“, erklärt Peter Metzdorf, Pressesprecher bei der Polizeihochschule Rheinland-Pfalz.
Größentauglich oder nicht, heißt es auch bei der Bundeswehr. Mindestens 1,55, maximal 2,06 Meter gilt in vielen Abteilungen. „Uniformen werden so beschafft, dass sie für diejenigen, die sich in diesem Bereich bewegen, passend sind“, sagt Meike Reetz vom Presse- und Informationszentrum Personal. „Zudem hat es mit Sicherheit zu tun. Wenn ein Pilot zu groß ist, kann es Probleme mit dem Schleudersitz geben.“


Auch bei Privatunternehmen spielt die Größe manchmal eine Rolle. So wies das Landesarbeitsgericht Köln die Klage einer Pilotenanwärterin gegen die Lufthansa ab. Die Frau wurde wegen ihrer 1,61 Meter für untauglich befunden. Lufthansa-Piloten müssen zwischen 1,65 und 1,98 Meter groß sein. Das Argument, dies sei nötig, um eine Maschine sicher steuern zu können, überzeugte die Richter nicht. Fluggesellschaften wie Swissair würden kleinere Piloten akzeptieren. Einen Schadenersatz bekam die Frau aber nicht zugesprochen. Durch die Ablehnung sei kein materieller Schaden entstanden.
Rege Diskussionen wird es wieder am 21. September geben. Dann verhandelt das Oberverwaltungsgericht Münster den Fall des Mannes weiter, dessen Jobtraum wegen 20 Millimetern derzeit ausgeträumt ist.

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