Politik

Forschung: Laut Wissenschaftler Bozorgmehr wäre es effektiver, Flüchtlingen Zugang zum regulären Gesundheitssystem zu verschaffen  

„Kliniken schicken Patienten weg“

Archivartikel

An der Uniklinik Heidelberg forscht der Gesundheitswissenschaftler Kayvan Bozorgmehr zur Krankenbehandlung von Asylbewerbern. Im Interview erklärt er, warum er bei den deutschen Regeln Verbesserungsbedarf sieht.

Herr Bozorgmehr, sind Asylbewerber im Gesundheitssystem Patienten zweiter Klasse?

Kayvan Bozorgmehr: Ich glaube, es geht da nicht um die erste oder zweite Klasse. Im Kern haben wir bei Asylbewerbern eine fundamentale Ungleichbehandlung. Paragraf 4 des Asylbewerberleistungsgesetzes schränkt Leistungen auf die Behandlung akuter und schmerzhafter Zustände ein. Es gibt zwar eine Öffnungsklausel in Paragraf 6, die deutlich mehr Versorgung ermöglicht. Doch das Verfahren ist kompliziert.

Inwiefern?

Bozorgmehr: Der behandelnde Mediziner muss diese Klausel kennen und einen Kostenübernahmeantrag schreiben. Diesen Antrag muss dann eine Behörde begutachten, die einen erheblichen Ermessensspielraum hat. Denn es gibt in diesem Bereich keinen einheitlichen Katalog wie in der Gesetzlichen Krankenversicherung. Bei vielen Fachkräften kommt ohnehin nur an, dass es eine Einschränkung gibt. Deswegen kommt es immer wieder vor, dass Ärzte oder Kliniken Patienten wegschicken.

Werden Asylbewerber also weniger gut versorgt als Patienten im Regelsystem?

Bozorgmehr: Es gibt zumindest Untersuchungen, die zeigen, dass Asylbewerber bei gleichen Erkrankungen weniger Behandlung und weniger Medikamente erhalten.

Mehrere Bundesländer haben eine elektronische Gesundheitskarte eingeführt. Die Behandlung ist damit zwar weiterhin eingeschränkt – aber der Gang zum Arzt soll einfacher werden. Ist dieses Modell aus Ihrer Sicht sinnvoll?

Bozorgmehr: Aus gesundheitswissenschaftlicher Sicht ist diese Karte uneingeschränkt sinnvoll. Der Zugang zur Versorgung ist barrierefreier, wenn ein Patient nicht für jede Behandlung einen Krankenschein bei einer Behörde abholen muss. Evaluationen in Bremen und Hamburg zeigen, dass der Verwaltungsaufwand deutlich niedriger ist. Das kommt auch dem Steuerzahler zugute. Generell ist es sinnvoll, wenn Erkrankungen früh behandelt werden. Dann kommt es seltener vor, dass Krankheiten verschleppt werden und die Behandlung verteuern.

Das Interview wurde telefonisch geführt und vor Veröffentlichung vorgelegt.