Politik

TV-Duell Amtsinhaber Donald Trump und Herausforderer Joe Biden debattieren heftig / Persönliche Angriffe und Rüpeleien

Kollision der Kandidaten

Archivartikel

Cleveland.Es gab kein Händeschütteln, keinen Small-Talk und nicht einmal ein gespieltes Lächeln. Die Kandidaten standen sich auf der Bühne der Case Western Reserve University in Cleveland auf sicherem Abstand hinter ihren Rednerpulten gegenüber. Doch zwischen dem US-Präsidenten und dem ehemaligen Vizepräsidenten lagen mehr als die zwei Meter sozialer Abstand wegen Covid-19. Den Republikaner Donald Trump und den Demokraten Joe Biden trennten Welten.

Der in den Umfragen abgeschlagene Amtsinhaber Trump kam mit dem Plan nach Cleveland, seinen Herausforderer zu überrollen. Nicht einmal ließ er den Demokraten zu den sechs von FOX-Moderator Chris Wallace ausgewählten Themenfeldern ungestört antworten. Eine Regel, auf die sich beide Seiten verständigt hatten. Trump redete viel, laut und über seinen Gegner hinweg. Das erwies sich in den ersten 15 Minuten als effektiv, weil er Biden einfach nicht zu Wort kommen ließ.

Kaum Distanz zu Neonazis

An einer Stelle sah sich Wallace genötigt, Partei zu ergreifen. Beide Seiten hätten vereinbart, sich die ersten beiden Minuten bei jedem Thema ausreden zu lassen. „Warum halten Sie sich nicht daran?“ Der ehemalige Vizepräsident bemühte sich seinerseits darum, die Fassung zu wahren. Das gelang Biden weitgehend, aber nicht immer. „Können Sie mal die Klappe halten“, sagte er an einer Stelle entnervt über den polternden Trump rechts neben ihm. An anderer Stelle nannte er den Präsidenten „einen Clown“ oder „Schoßhund Putins“. Die Chaos-Strategie Trumps verhinderte effektiv einen substanziellen Dialog der beiden Kontrahenten um das mächtigste Amt der Welt. Dan Balz spricht in der Washington Post von der „schlimmsten Präsidentschaftsdebatte seit Gedenken“. Wohl wahr.

Es gab während der 90 Minuten kaum erhellende Momente, dafür umso mehr Beleidigungen. Allen voran vom Amtsinhaber, der seinen größten einzelnen Fehler mit einem persönlichen Angriff auf Bidens Familie begann.

Der Herausforderer erwähnte den Militärdienst seines an einem Gehirntumor verstorbenen Sohn Beau in Irak. Dieser sei, anders als Trump über Soldaten gesagt habe, „kein armer Schlucker oder Verlierer“, sondern wie seine Kameraden ein Held. Weiter nannte der Präsident scheinheilig den Namen des jüngeren Biden-Sohns „Hunter“, der bei der ukrainischen Gasfirma Burisma einen gut bezahlten Job hatte. Biden sei stolz auf Hunter, der ein Suchtproblem in den Griff bekommen und nichts falsch gemacht habe.

Nachdem Trump seinen Herausforderer beim Thema Gewalt in den Städten ein wenig in die Defensive gebracht hatte, verspielte er den Vorteil mit der denkwürdigen Weigerung, sich von Neonazis und Rechtsextremen zu distanzieren. Wallace hakte gezielt nach, ob der Präsident sich von Gruppen wie den „Proud Boys“ in Portland distanzieren würde. „Proud Boys, haltet Euch zurück und steht bereit“, verkündete Trump und fügte hinzu, „einer muss etwas gegen die Antifa und die Linke tun.“

Die Frage nach seiner geringen Steuerlast von nur 750 US-Dollar an Einkommenssteuern in den Jahren 2016 und 2017 wich Trump aus. Zunächst behauptete er, „Millionen an Steuern gezahlt zu haben.“ Dann lobte er sich für seine Fähigkeit, sich arm zu rechnen.

Streit um Wahlbetrug

Biden richtete sich wiederholt mit direkten Appellen in die Kameras an die Zuschauer daheim. Effektiv sprach er über die leeren Stühle am Abendtisch, weil ein Familienmitglied zu den 200 000 Covid-Toten gehört, für die Trump verantwortlich sei. „Er hat gewartet und gewartet und gewartet. Er hat noch immer keinen Plan.“ Biden sprach auch zu denen, die ihren Job verloren haben in einer Präsidentschaft, die mit weniger Arbeitsplätzen endet, als sie begonnen hatte. Und er richtete sich an die Millionen Amerikaner, die fürchten, ihre Versicherung zu verlieren, weil Trump Obamacare unterminiert.

Sein Fazit bei Wahlen, die sich als Referendum über den Amtsinhaber abzeichnen? Das Land sei „kränker, armer, mehr geteilt und gewalttätiger“ geworden. Direkt an Trump gerichtet, fügte Biden hinzu: „Sie sind der schlimmste Präsident, den Amerika je hatte.“ Erhellend und deprimierend zugleich geriet das Ende der Debatte, in der es um die Integrität der Wahlen ging. Während Biden versicherte, die Wahlergebnisse zu akzeptieren, stellte Trump eine mögliche Niederlage als Beleg für einen Wahlbetrug da.

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