Politik

Weltkonferenz Experten warnen vor zu geringen Anstrengungen / Deutschland verfehlt selbst gesteckte Ziele

Kratzer im Bild des Klimaretters

Kattowitz.Die Folgen der Erderwärmung sind spürbar. Experten erwarten weitere extreme Sommer mit Gluthitze und Dürre, auf der anderen Seite Starkregen und Stürme. Gelingt es auf der UN-Klimakonferenz in Polen, die Erderwärmung auf ein erträgliches Maß zu begrenzen? Fragen und Antworten dazu.

Das Klima verändert sich. Weltweit nehmen Extremwetterlagen zu. Wie schlimm ist die Lage?

Die Erde hat sich seit der vorindustriellen Zeit (1750) um rund ein Grad aufgeheizt. Die Jahre 2015 bis 2018 waren nach ersten Analysen der Weltwetterorganisation die vier wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen im 19. Jahrhundert. Und die 20 wärmsten lagen in den vergangenen 22 Jahren.

Was nimmt am meisten Einfluss auf die Klimaerwärmung?

Als entscheidende Größe gilt der Kohlendioxid-Ausstoß, der weltweit auch 2018 ansteigen wird. Daran wird sich auf absehbare Zeit auch nichts ändern. Denn noch immer werden in vielen Staaten massiv neue Kohlekraftwerke gebaut, noch immer fahren die meisten Autos nicht elektrisch, noch immer sind viele Wirtschaftssektoren auf Öl, Kohle und Gas ausgerichtet.

Was sind die Folgen des Klimawandels?

Weltweit fliehen mehr Menschen vor Naturkatastrophen und Klimaereignissen als vor Krieg und Gewalt. Macht die Welt weiter wie bisher, leben wir Ende dieses Jahrhunderts wohl in einer drei bis vier Grad wärmeren Welt.

Und wie machen sich die Veränderungen in Deutschland bemerkbar?

Hierzulande hat sich die Durchschnittstemperatur sogar stärker erhöht als weltweit, nämlich um mehr als ein Grad. Je nach Region kann das mehr Hitze, mehr Starkregen oder auch mehr Hochwasser bedeuten. Die Leidtragenden sind alte und kranke Menschen, die mit extremer Hitze nur schwer zurechtkommen. Oder Bauern, die von Jahr zu Jahr wechselweise mit massig Niederschlag oder langen Dürreperioden zu kämpfen haben.

Was tut die Welt gegen die Erderhitzung?

Auf der UN-Klimakonferenz in Paris 2015 haben sich die gut 190 vertretenen Staaten darauf geeinigt, die Erderwärmung möglichst auf 1,5 Grad zu begrenzen. Viele Länder haben sich seither nationale Reduktionsziele gesetzt. Alle Experten sagen jedoch, dass diese zusammen bei weitem nicht ausreichen. Der Weltklimarat (IPCC) hat es in einem Sonderbericht vorgerechnet: Die globalen CO2-Emissionen müssen zur Erreichung des 1,5-Grad-Ziels bis 2030 gegenüber 2010 um 45 Prozent sinken, und bis 2050 sogar auf netto null. Dies erfordert einen nie da gewesenen, radikalen Umbau unseres Wirtschafts- und Verkehrssystems.

Gibt es unter den Mitgliedsländern eine einheitliche Linie?

Nein. US-Präsident Donald Trump hat sich aus dem Pariser Abkommen verabschiedet, in Brasilien ist ein rechtsradikaler Präsident dabei, die Abholzung des so wichtigen Regenwalds zu erleichtern. Und China versucht zwar angesichts der Luftverpestung in seinen Städten, den Ausstieg aus der Kohle anzuschieben. Die Volksrepublik investiert aber gleichzeitig unter anderem in Afrika und Asien massiv in Kohlekraft.

Welche Rolle spielt Deutschland bei diesen Anstrengungen?

Das Image der Bundesrepublik als Vorreiter beim Klimaschutz hat viele Kratzer bekommen: So hat die Regierung ihre selbst gesteckten Klimaziele für 2020 verpasst. Auch gibt es bislang keinen festen Zeitpunkt, zu dem der Ausstieg aus der Kohleverstromung hierzulande vollzogen werden soll. Beim Verkehr haben sich die Emissionen von Kohlendioxid seit 1990 sogar erhöht. Immerhin: Seine Finanzzusage zur Unterstützung ärmerer Staaten hat Deutschland jüngst auf 1,5 Milliarden Euro jährlich verdoppelt.

Was soll das Treffen in Polen bringen?

Verabschiedet werden soll ein Regelbuch, um die Beiträge der einzelnen Staaten zum Klimaschutz und auch die Finanzzusagen messbar, nachvollziehbar und vergleichbar zu machen. Für die Bundesregierung und die deutsche Wirtschaft geht es auch um Fairness. Wenn andere Staaten laxer kontrollieren, sind Wettbewerbsnachteile zu befürchten.

Was fordern die Umwelt- schutzverbände und die EU?

Die Umweltschützer hoffen, dass weitere Länder ihre nationalen Klimaziele nachbessern. Die EU-Kommission, die für Deutschland mitverhandelt, fordert für Europa eine Wirtschaft ohne Treibhausgase binnen 30 Jahren. Gemeint ist eine völlige Abkehr von Öl, Kohle und Gas in der Wirtschaft, der Energieversorgung und im Verkehr.