Politik

Rede an die Nation Angela Merkel gibt sich in ihrer Fernsehansprache als entschlossene und fürsorgliche Führerin

Krise ab jetzt Chefinnensache

Archivartikel

Berlin.Beim Blick in die Kanzlermappe, die jeden Morgen das „Medienlagebild“ mit den wichtigsten Artikeln enthält, dürfte Angela Merkel zufrieden gewesen sein. Das Presse-Echo auf ihre dramatische Ansprache zur Corona-Krise war am Donnerstag fast durchgehend positiv; auch die Zuschauerzahl mit rund 18 Millionen Bundesbürgern nur bei ARD und ZDF fiel gigantisch aus. Ob die Kanzlerin freilich ihr Hauptziel erreicht hat, wird sich erst in den nächsten Tagen zeigen.

„Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst“, lautete die eindringliche Botschaft der Regierungschefin. Das Land stehe vor der größten Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg. Gemeinsames, solidarisches Handeln sei gefragt. Als Regierung werde man genau prüfen, was an Einschränkungen eventuell noch nötig sei. Das Wort Ausgangssperre scheute die Kanzlerin, um zusätzliche Verunsicherung zu vermeiden. Manch einer kritisierte das am Tag danach. Martialische Rhetorik ist aber nicht Merkels Ding. Und wenn ihr Appell nicht fruchtet, soziale Kontakte gravierend einzuschränken, um die Ausbreitung des Virus zu begrenzen, dürfte diese Maßnahme ohnehin der nächste Schritt der Behörden werden.

So, wie bei dieser außerordentlichen Ansprache, hat man Angela Merkel jedenfalls noch nie erlebt: für ihre Verhältnisse sehr emotional, beschwörend auf die Bürger einredend. Ihre Politik erklärte sie diesmal – in der Vergangenheit war das immer ihr Manko. Merkel hat als Kanzlerin seit 2005 schon viele Krisen bewältigen müssen, vielleicht mehr, als ihre Vorgänger. Finanzkrise, Eurokrise, Fukushima, Flüchtlingsdrama. Doch keine war so gravierend für die Deutschen wie die jetzige. Deswegen der offensive Schritt ins Fernsehen mit einer Rede an die Nation. Ihr Signal: Anderthalb Jahre vor dem Ende ihrer regulären Amtszeit ist sie als Krisenkanzlerin wieder da. Mahnend, bittend, nah dran. Vor allem: verlässlich.

Volle Transparenz

Niemand kann nun noch glauben oder hoffen, dass sie vorzeitig das Amt räumen wird. Merkel zieht durch. Sie will nun auch ganz klar zeigen, dass die Demokratie, die freiheitliche Gesellschaft mit solchen Herausforderungen umgehen und sie bewältigen kann. Anders, als die Populisten stets suggerieren. Vielleicht wird das tatsächlich ihr politisches Vermächtnis werden. Merkel will verlorengegangenes Terrain zurückgewinnen. Die Krise als Chance für die Etablierten. Sich selbst und ihrer Regierung verordnete sie deshalb im Umgang mit dem Coronavirus volle Transparenz. Seit dem Ausbruch der Seuche in Deutschland vergeht kaum ein Tag, an dem nicht einer ihrer Minister vor die Öffentlichkeit tritt. Manchmal sogar zwei. Merkel selbst ging Schritt für Schritt vor – was ihr den Vorwurf einbrachte, erneut zu zaudern. Aber es ist das Politprinzip der 65-Jährigen: Erst die Lage sondieren und sich ausgiebig informieren.

Merkel überlegt vor Entscheidungen stets lange. Ob ihr Verhalten dann als zögerlich angesehen werde, hänge meist von der öffentlichen Erwartungshaltung ab, meinte sie einmal. Ganz am Anfang der Krise ließ die Kanzlerin zunächst ihrem Gesundheitsminister Jens Spahn den Vortritt – wohl auch als eine Art Vertrauensbeweis für den 39-Jährigen, der davon träumt, irgendwann einmal selbst Kanzler zu werden.

Lob auch vom politischen Gegner

Im Bundestag hörte Merkel seiner Regierungserklärung zur Corona-Krise zu, ohne das Wort zu ergreifen. In der zweiten März-Woche äußerte sie sich dann auf einer Wirtschaftskonferenz in Berlin – was weiten Teilen der Öffentlichkeit verborgen blieb. Dann folgte aber ihre gemeinsame Pressekonferenz mit Spahn vor etwas mehr als einer Woche. Von diesem Zeitpunkt an war klar – die Krise ist ab jetzt Chefinnensache. Am Mittwoch kam dann die international beachtete Fernsehansprache. Merkel im blauen Blazer am Tisch, im Hintergrund der Reichstag. Fast so wie jedes Jahr bei ihrer traditionellen Neujahrsrede, die kaum gehalten, schon wieder vergessen ist.

Diese Ansprache wird allerdings in die Geschichte der Republik eingehen. Die Kanzlerin fährt auf Sicht. Wie immer. Ob das im Kampf gegen ein Virus richtig oder falsch ist, wird sich erst in ein paar Monaten zeigen. Die vielen Merkel-Hasser im Netz hat sie nicht überzeugt, das zeigten einige Reaktionen bei Twitter & Co. Aber das ist wohl auch keine Überraschung. Ansonsten war viel Lob zu lesen. Selbst vom politischen Gegner. „Danke an die Kanzlerin für die klaren Worte“, twitterte etwa Links-Fraktionschef Dietmar Bartsch.

Zum Thema