Politik

Norditalien Krankenhäuser sind überlastet / Dramatische Aufrufe von Ärzten wegen Versorgungsengpässen / Mailand plant Containerhospital

Kurz vor dem Zusammenbruch

Archivartikel

Rom.Erstmals in der Vereinsgeschichte erreichte Atalanta Bergamo am Dienstag das Viertelfinale der Champions League, ein historischer Erfolg. Doch zum Feiern ist in der Stadt in der Lombardei niemandem zu Mute. Die Zahl der Ansteckungen mit dem Coronavirus in Norditalien nimmt weiter zu, die Krankenhäuser sind an die Grenze ihrer Kapazitäten gelangt.

„Heute ist das Drama, dass wir die 80-Jährigen nicht mehr versorgen können. Aber in zehn, 20 Tagen besteht die Gefahr, dass auch für die Jüngeren nicht mehr genügend Beatmungsgeräte zur Verfügung stehen“, sagte Bürgermeister Giorgio Gori in einem am Mittwoch veröffentlichten Interview mit dem „Corriere della Sera“. Allein in der Lombardei wurden zuletzt knapp 5800 Ansteckungen gemeldet, davon 1245 im Landkreis Bergamo. Dort sind die Fallzahlen landesweit am Höchsten, allein am Dienstag wurden 227 neue Ansteckungen registriert.

„Dramatik zu Beginn nicht erfasst“

Bürgermeister Gori hatte zu Beginn der Epidemie die Bürger noch aufgerufen, ihr Sozialleben nicht einzuschränken. „Wie andere auch habe ich zu Beginn die Dramatik der Situation nicht erfasst“, gibt Gori heute zu. Heute wisse er, dass frühere Quarantäne-Maßnahmen wichtig gewesen wären. „Wir hätten heute weniger Todesopfer, und die Krankenhäuser wären in der Lage, die Epidemie besser zu bewältigen“, sagte er.

In vielen Krankenhäusern ist die Lage extrem. Die Intensivstationen in Norditalien verzeichnen einen stetigen Zuwachs an Covid-19-Patienten: Waren es am 25. Februar noch 35, stieg ihre Zahl am 5. März auf 351 und am Montag bis auf 877 Fälle an, allein 466 davon in der Lombardei. Sollte sich der Anstieg der Ansteckungen weiter so drastisch entwickeln, könnten in zehn Tagen über 10 000 Patienten in Italien Hilfe auf der Intensivstation benötigen, berechnete die Zeitung „La Repubblica“. Im ganzen Land stehen aber nur 5350 Plätze auf Intensivstationen bereit, 1000 weitere werden gerade eingerichtet. In Mailand sind die Pläne für den Bau eines Container-Krankenhauses auf dem städtischen Messegelände weit fortgeschritten. 600 weitere Intensiv-Betten sollen so entstehen.

Noch ungeklärt ist die Frage, woher das notwendige medizinische Personal kommen soll. Viele Ärzte in Norditalien sind überlastet. „Ich fordere die Italiener auf, uns zu helfen, wir sind am Rande unserer physischen und psychischen Kräfte“, sagte Notfall-Ärztin Francesca Mangiatordi aus dem Krankenhaus Cremona. „Bleibt zuhause und verbreitet das Virus nicht weiter, wir stehen kurz vor dem Zusammenbruch“, fügte sie hinzu.

„Lange schaffen wir das nicht mehr“, sagte auch Antonio Pesenti, Chef der lombardischen Kriseneinheit zur Koordination der Intensivstationen. Nur mit drastischen Maßnahmen wie der kompletten Schließung aller Geschäfte und Aktivitäten könne der Anstieg der Ansteckungen gebremst werden. Der Sozialreferent der Lombardei, Giulio Gallera, dementierte unterdessen Berichte, wonach bei Corona-Infizierten nach Alter unterschieden werde.

Wenig Hoffnung für sehr Alte

Der Anästhesist Christian Salaroli hatte die Situation in der Notaufnahme seines Krankenhauses beschrieben: „Wir entscheiden nach Alter und dem allgemeinen Zustand, wie in jeder Kriegssituation.“ Wenn es sich um einen Covid-19-Patienten im Alter zwischen 80 und 95 mit schwerem Lungenversagen handelte, würden höchstwahrscheinlich keine Rettungsmaßnahmen mehr ergriffen.

Zum Thema