Politik

Kurze Illusion

Sie können feiern, die Russen. Ausgelassen, emotional, lange. Sie konnten das bereits vor dieser Fußball-Weltmeisterschaft, allerdings stets im Privaten. Die WM spülte diese Feierfreude in die Öffentlichkeit und zeigte der Welt dadurch das, was diese Welt nicht erwartet hatte, was die Russen selbst nicht erwartet hatten: ein vermeintlich neues russisches Gesicht. Nicht das mürrische, das graue. Es zeigte sich zugänglich und aufgeschlossen.

Die Fußball-Weltmeisterschaft ist für Russland zu einem Sommermärchen geworden. So wie die Deutschen vor zwölf Jahren ihre Liebe zur eigenen Nation entdeckten und sie freudig feiernd zur Schau trugen, so entdeckten die Russen in diesem WM-Monat die Leichtigkeit. Vor allem aber zerstörten all die Bilder fröhlicher Fußball-Fans aus vielen Ländern die Illusion eines von Feinden umgebenen Russland. Die Russen, zumindest die, die diese Stimmung der Unbekümmertheit erlebten, begriffen, dass die Welt ihnen wohlgesonnener ist als das das Staatsfernsehen jeden Tag in ihre Köpfe zu pressen versucht. Auf der einen wie auf der anderen Seite rückt der Fußball einige Vorstellungen zurecht: Russland erscheint nicht mehr als ein Land, in dem Bären auf Straßen herumlaufen.

Natürlich gelten Sportereignisse als sanfte Kraft für ein Land. Schon die Olympischen Spiele 2014 in Sotschi, das Prestige-Projekt des Präsidenten Wladimir Putin, sollten Russland in ein positives Licht rücken. Geglückt war es nicht. Die Fußball-WM war von Anfang an anders: In einem Land, das eher das Eishockey feiert, hatte niemand Erfolge seiner als desolat erscheinenden Fußball-Nationalmannschaft erwartet. Die Sbornaja überraschte alle, und plötzlich durfte öffentlich gefeiert werden, ohne dazu einen Befehl von oben zu erhalten, wie es sonst im Land der Fall ist.

Der Fußball verband unterschiedliche Gruppen einer atomisierten Gesellschaft, er ließ die Russen durchatmen, ließ sie den positiven Schock erleben, der sie für miteinander verband. Sie spürten, dass die Lüftungsklappe sich bereits bald wieder schießen könnte. Die Menschen – Gäste wie Einheimische – feiern noch bis Sonntag Karneval in seinem tieferen Sinn, sie hebeln die Gesetze des Alltags aus. Nach dem Karneval aber beginnt das Fasten. Daran erinnern Russlands Mächtige während der Spiele, mit Festnahmen von Menschenrechtlern, mit der Erhöhung des Rentenalters. Die WM als Hoffnung auf ein anderes Russland? Ein hübsches Trugbild.