Politik

Pandemie Alle Mitarbeiter am Tönnies-Standort Rheda-Wiedenbrück müssen in Quarantäne / Erneut viele Göttinger Fälle

Laschet: Lockdown möglich

Archivartikel

Berlin/ Düsseldorf.Nach dem massiven Corona-Ausbruch in der Fleischfabrik Tönnies im Landkreis Gütersloh schließt der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) einen „flächendeckenden Lockdown in der Region“ nicht aus. Das Infektionsgeschehen sei „in dieser Größenordnung neu“ und berge ein enormes Pandemie-Risiko, sagte Laschet am Freitagabend in Düsseldorf. Daher müsse nun konsequent alles Erforderliche getan werden, um den Corona-Ausbruch aufzuklären und die Ausbreitung des Virus einzudämmen.

„Wir mobilisieren alle Kräfte, um das Infektionsgeschehen einzudämmen“, sagte Laschet. So werde ein gemeinsamer Krisenausschuss mit den Bezirksregierungen Detmold, Arnsberg, und Münster gebildet und das Landeskabinett werde am Sonntag in einer Sondersitzung die Lage neu bewerten. Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (beide CDU) hätten ihre Unterstützung zugesagt.

Versorgung gesichert

Der Kreis Gütersloh teilte am Freitagabend mit, dass sämtliche Mitarbeiter am Standort Rheda-Wiedenbrück in Quarantäne müssen. Das betreffe auch die Verwaltung, das Management und die Konzernspitze. Einige Mitarbeiter – darunter auch Gesellschafter Clemens Tönnies – können den Angaben nach aber in sogenannte Arbeitsquarantäne. Das heißt, dass sie sich nur zwischen Arbeits- und Wohnort bewegen dürfen.

Am Freitag trafen 25 Soldaten am Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück ein, um erste Tests durchzuführen. Der Kreis hatte die Bundeswehr bei dem Schlachtereiunternehmen um Unterstützung gebeten. 13 der Helfer sind als Sanitätssoldaten vor Ort, 12 zur Dokumentation. Allein im Tönnies-Stammwerk müssen in den nächsten Tagen noch Tausende Mitarbeiter getestet werden. Am Mittwoch war bekannt geworden, dass Hunderte Mitarbeiter des Schlachtbetriebs mit Sars-CoV-2 infiziert sind. In der Folge wurden in der Region Schulen und Kitas geschlossen. Bis Freitagabend wurden insgesamt 803 Infizierte registriert.

Zu Versorgungsengpässen wird die vorübergehende Schließung des größten deutschen Schlachtbetriebs von Tönnies nach Experten-Einschätzung wohl nicht führen. „Fleisch wird in Deutschland nicht knapp, auch nicht Schweinefleisch“, sagte Tim Koch von der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft in Bonn. Das Bundesarbeitsministerium arbeite mit Hochdruck an einem Gesetzentwurf für die geplanten Verschärfungen beim Arbeitsschutz und einem weitgehenden Verbot von Werkverträgen in der Fleischbranche, sagte eine Sprecherin. Agrarpolitiker der Union forderten mehr regionale Schlachthöfe. Die NRW-Landesregierung will Billigangeboten beim Fleisch einen Riegel vorschieben.

Die Staatsanwaltschaft Bielefeld ermittelt nach dem Eingang von fünf Strafanzeigen gegen Unbekannt wegen des Anfangsverdachts auf fahrlässige Körperverletzung und Verstoßes gegen den Infektionsschutz.

Wieder ein großer Ausbruch

Auch die Stadt Göttingen steht mit einem erneuten Corona-Ausbruch vor Herausforderungen. „Wir müssen jetzt hoffen, dass alle in dieser Ausnahmesituation einen kühlen Kopf bewahren“, sagte Christian Hölscher von der Jugendhilfe Göttingen am Freitag. Innerhalb von zwei Tagen seien knapp 120 Infektionen mit dem Coronavirus bestätigt worden, teilte die Stadt mit.

In Kassel sind nach etwa 20 Corona-Nachweisen in einer Geflüchtetenunterkunft rund 60 Menschen in Quarantäne.

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