Politik

Solingen Gedenken an den Brandanschlag vor 25 Jahren mit fünf Toten / Appell der betroffenen Familie Genc

„Lasst uns zum Guten schauen“

Archivartikel

Solingen.Es ist ein Tag der Trauer, des Innehaltens. Vor 25 Jahren, in der Nacht des 29. Mai 1993, brannte in Solingen das Haus der türkischstämmigen Familie Genc. Fünf Mädchen und Frauen kamen ums Leben. Ein Vierteljahrhundert danach reißen die Wunden wieder auf. In Solingen und Düsseldorf wird der Mordopfer gedacht.

Die Botschaften und Gesten viele Jahre tragen eine tröstende Überschrift: Solidarität mit den Angehörigen, gegenseitiger Respekt. Kanzlerin Angela Merkel setzt mit ihrer Teilnahme an einer Feierstunde der NRW-Regierung in Düsseldorf ein Ausrufezeichen.

In Solingen stehen Außenminister Heiko Maas (SPD) und sein Amtskollege aus Ankara, Mevlüt Cavusoglu, Seite an Seite. Die schwierigen deutsch-türkischen Beziehungen sind ausgeblendet. In den Mittelpunkt rückt eine kleine Frau mit Kopftuch, die für viele zum Symbol menschlicher Größe geworden ist, die Grauenvolles erlebt hat. „Unser aller Mutter Mevlüde Genc“, nennt sie Cavusoglu in Düsseldorf.

Die heute 75-Jährige verlor bei dem fremdenfeindlichen Anschlag zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte. Sie waren 4,9, 12, 18 und 27 Jahre alt. Der Jahrestag ist kräftezehrend für die Frau, die nachts noch immer die Schreie ihrer Kinder hört. In der NRW-Staatskanzlei gestern mahnt sie in bewegenden Worten: „Lasst uns zum Guten, nach vorn schauen.“ Der Schmerz nehme auch nach 25 Jahren nicht ab, sagt sie, sie wünsche niemandem ein solches Leid. Alle zusammen müssten dem Hass Einhalt gebieten.

Die Bilder des ausgebrannten Dachstuhls, der schwarz verkohlten Mauern des Wohnhauses gingen damals um die Welt, schockierten, ängstigten. Die Tat gilt als eines der schwersten rechtsextremen Verbrechen in der Geschichte der Bundesrepublik. Schon vorher hatten Ausschreitungen in Hoyerswerda, Rostock und Mölln entsetzt. Dann kamen die NSU-Morde 2000 bis 2007, es folgten hunderte Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte Jahr für Jahr.

Bürger zeigen Solidarität

In Solingen zeigen auch viele Bürger Mitgefühl. Schüler gehen gegen Rassismus auf die Straße. Hunderte verharren bei der Gedenkfeier am Solinger Mahnmal in einer Schweigeminute. Aber dann tobt ein Gewitter, ein Wolkenbruch geht nieder. Das Gedenken wird abgebrochen.

Familie Genc nennt Deutschland ebenso Heimat wie die Türkei. Im Vorfeld hatte sie gebeten: Kein politischer Streit dürfe das Trauern und Erinnern stören. Ihr Wunsch wird gehört. Cavusoglu spendet Trost – und baut eine Brücke: „Auch alle unsere deutschen Freunde spüren diesen Schmerz.“ In Düsseldorf lässt er nicht annähernd Wahlkampftöne vernehmen.