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Bildung II Bundesverband für Legasthenie und Dyskalkulie setzt sich für Betroffene ein / Sprecherin plädiert für frühe Tests in Schulen

„Lehrer sind schlecht informiert“

Archivartikel

Frau Höinghaus, ist es nur ein Eindruck, dass die LRS-Förderung eher zurückgefahren wird?

Annette Höinghaus: Genau das beschreiben uns viele Eltern. Das Problem ist der Lehrermangel. Die Schulen haben schon Schwierigkeiten, den normalen Regelunterricht abzubilden. Insofern fällt natürlich der Förderunterricht schnell unter den Tisch. Und wenn Förderunterricht in der Schule stattfindet, dann werden oft alle Kinder, die Schwierigkeiten mit Lesen und Rechtschreibung haben, in eine – relativ große – Gruppe gesetzt. Unabhängig von der Ursache der Probleme. So sitzt der Lehrer vor einer großen, inhomogenen Gruppe. Wie soll er da gezielt jedem einzelnen Kind helfen?

Sind Lehrer gut informiert über Lese- Rechtschreibstörungen?

Höinghaus: Nein, weil es nicht unbedingt Bestandteil ihrer Ausbildung ist. Das heißt: Viele Pädagogen kommen in die Schulen, ohne etwas im Studium zur Legasthenie oder zur Dyskalkulie gehört zu haben. Insofern haben sie Schwierigkeiten, zu beurteilen, was bei einem Kind an Beeinträchtigungen vorliegt – das soll kein Vorwurf an die Lehrer sein. Auch hält sich bis heute immer noch dieses Stigma: Wer eine Legasthenie hat, der ist faul gewesen oder dümmer als andere Kinder. Es wird nicht verstanden, dass es sich hier um eine neurobiologische Störung handelt, wo weder die Eltern noch das Kind selber etwas dafür können.

Halten Sie es für sinnvoll, wenn alle Kinder früh auf Lernschwierigkeiten getestet werden?

Höinghaus: Wir plädieren dafür, dass alle Kinder bereits in der zweiten Klasse durchgängig getestet werden. Das ist im Prinzip nur ein Screening. Man kennt dann noch nicht die Ursache für die Probleme. Manchmal brauchen Kinder wegen einer Hör- oder Sehbeeinträchtigung einfach nur eine Brille oder eine Hörhilfe. Die durchgängig frühe Testung wäre wichtig, weil viele Kinder aufgrund ihrer guten Begabung anfangs sehr viel auswendig lernen und sich damit einige Zeit durch die Schule schummeln. Auch wenn die Lesekompetenz nicht da ist, hat der Lehrer durch das Auswendiglernen das Gefühl, sie könnten lesen. Oft fallen solche Kinder erst in der dritten oder vierten Klasse auf, wenn ungeübte Diktate geschrieben werden. Denn da kommt das Auswendiglernen nicht mehr zum Tragen.

Was halten Sie von den Formen des Nachteilsausgleichs?

Höinghaus: Bundesweit ist es ein riesengroßes Problem, dass Kindern kein adäquater Nachteilsausgleich gewährt wird. In vielen Fällen wird nur eine Zeitzugabe gegeben – jemand, der die Rechtschreibung aber nicht beherrscht, wird auch mit einer höheren Zeitzugabe nicht seine Fehler finden beziehungsweise die Worte besser schreiben können. Insofern geht das oftmals an den Anforderungen des Kindes vorbei.

Läuft es wenigstens mit der Gewährung des Nachteilsausgleichs?

Höinghaus: Oft müssen die Eltern den Nachteilsausgleich für ihre Kinder erkämpfen – obwohl es ja eigentlich ein Automatismus sein müsste. Denn nicht alle Eltern sind überhaupt dazu in der Lage, sich so für ihr Kind einzusetzen.

Was können Eltern, um ihre Kinder zu unterstützen?

Höinghaus: Wir empfehlen Eltern, bei Auffälligkeiten frühzeitig eine Diagnostik nach ICD-10 beim Kinder- und Jugendpsychiater oder in einem Sozialpädiatrischen Zentrum durchführen zu lassen. Bei dieser Diagnostik wird auch herausgearbeitet, in welchen Bereichen die Beeinträchtigungen liegen und wo Förderung gezielt ansetzen müsste. Bei einer außerschulischen Therapie sollten Eltern genau prüfen, welche Qualifikation der Therapeut hat. Es ist nämlich bis heute kein anerkanntes Berufsbild. Man kann sich dabei an der Leitlinie zur Diagnostik und Behandlung der Lese-Rechtschreibstörung der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften orientieren. Darin stehen Behandlungsansätze, die nachhaltig erfolgreich sind. her

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