Politik

USA Hohe Vertreter des Weißen Hauses wollen nur noch gefährdete Gruppen vor dem Coronavirus schützen / Experten warnen vor dritter Welle

Liebäugelt Trump mit Herden-Immunisierung?

Washington.Während der in den Wahlkampf zurückgekehrte Covid-19-Patient Donald Trump seine Anhänger „küssen“ möchte, liefern zwei hohe Mitarbeiter des Präsidenten eine Erklärung für das bizarre Verhalten. In einer Telefonkonferenz sprachen die beiden Vertreter des Weißen Hauses über die sogenannte „Great Barrington Declaration“ von Anfang des Monats, deren Verfasser für Herden-Immunität durch die „natürliche“ Verbreitung des Virus plädieren. Die Epidemiologen Martin Kulldorff (Harvard), Sunetra Gupta (Oxford) und Jay Bhattacharya (Stanford) wollen Infektionen unter jüngeren Menschen nicht stoppen, sondern lediglich gefährdete Gruppen gezielt schützen.

Die Erklärung erwähnt weder das Tragen von Masken noch empfiehlt sie soziale Distanz, das Vermeiden von Ansammlungen oder Veranstaltungen im Inneren von Gebäuden. „Der Plan unterstützt die Politik, die der Präsident seit Wochen verfolgt“, zitiert die „Washington Post“ aus dem Hintergrund-Briefing der Mitarbeiter Trumps. Diese bestehe darin, die Anfälligen zu schützen, überfüllte Krankenhäuser zu vermeiden und Schulen und Geschäfte zu öffnen. „Er hat das sehr klar gesagt.“

Der Direktor des staatlichen „National Institutes of Health“, Francis Collins, spricht angesichts von mehr als 215 000 Covid-19-Toten und steigenden Fallzahlen in mehr als 20 Bundesstaaten von einem „gefährlichen“ Konzept. Es sei schlicht nicht wahr, „dass es sich um eine bedeutsame Alternative handelt, die von einer großen Zahl an Experten in der wissenschaftlichen Gemeinde geteilt wird“, warnte Collins in einem Interview. Diese Sicht werde lediglich von einer „randständigen“ Gruppe von Außenseitern vertreten.

Der Chef der Weltgesundheitsorganisation, Tedros Adhanom Ghebreyesus, nannte die Idee unmoralisch. Herden-Immunität werde nicht durch „natürliche“ Verbreitung, sondern Impfung hergestellt. „Noch nie in der Geschichte öffentlicher Gesundheitspolitik ist Herden-Immunität als Strategie eingesetzt worden“.

US-Präsident Trump trägt nach Ansicht von Experten aktiv zur Verbreitung des Virus bei. Der noch nicht ganz auskurierte Covid-19-Patient versammelte seit Anfang der Woche tausende Anhänger bei Kundgebungen in Florida, Pennsylvania und Iowa ohne sozialen Abstand und die meisten ohne Maske um sich.

Herausforderer Joe Biden geißelte den Umgang des Präsidenten mit der Pandemie als unverantwortlich – gerade im Hinblick auf ältere Amerikaner.

Experten warnen vor einer „dritten Welle“ der Pandemie. Der Top-Infektiologe der Regierung, Anthony Fauci, hatte von einer Rückkehr des Präsidenten zu Großkundgebungen dringend abgeraten. „Sie laden Probleme geradezu ein.“ Angesichts von bereits mehr als 50 000 Neuinfektionen vor Beginn der Winter-Saison sei das der falsche Zeitpunkt. „Das ist sehr besorgniserregend.“

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