Politik

Pandemie Zahl der Infektionen im Nachbarland steigt / Amsterdam appelliert an Reisende, zu Hause zu bleiben

Lockdown light in Belgien

Brüssel.Die gespenstischen Bilder leer gefegter Innenstädte sind wieder da. In Belgien traten am Mittwoch drastische Beschränkungen in Kraft, weil die Zahl der Infektionen mit dem Coronavirus regelrecht in die Höhe geschossen war: In der ersten Juli-Hälfte zählten die Behörden 28 neue Ansteckungen je 100 000 Einwohner am Tag. In der vergangenen Woche waren es plötzlich wieder durchschnittlich 311, am 22. Juli sogar 544 neue Fälle.

Nun hat die erst vor wenigen Wochen wiedergewonnene Freiheit ein abruptes Ende gefunden. Einkäufe dürfen nur noch allein durchgeführt werden und sollen innerhalb von 30 Minuten erledigt sein. Die Regierung unter Führung der liberalen Ministerpräsidentin Sophie Wilmès ordnete Homeoffice an, soweit dies möglich ist. Die Zahl der Personen, die jeder treffen darf, wurde auf fünf (von 15) herabgesetzt.

Rote Zone Antwerpen

Besonders übel hat es die flämische Metropole Antwerpen sowie einige Badeorte an der See wie Oostende erwischt. Dort müssen Kneipen und Restaurants um 23 Uhr schließen. Bis sechs Uhr morgens gilt eine strikte Ausgangssperre. Reisende per Bus, Bahn oder Flugzeug müssen in einem Formular angeben, woher sie kommen und wohin sie fahren – inklusive aller persönlichen Daten. Antwerpens Bürgermeister Bart De Wever sprach von einem „Lockdown light“. Das soll beruhigend klingen. Die Realität sieht anders aus: Marc Van Ranst, Chef-Virologe der Universität Löwen, wählte am Dienstag drastische Worte, als er einen Appell an Besucher aus dem Ausland formulierte: „Geht nicht nach Antwerpen. Antwerpen ist eine rote Zone.“ Die neuen Beschränkungen sind auf zunächst vier Wochen befristet. Noch halten die Staatsregierung ebenso wie die Kommunen an dem Vorhaben fest, am 1. September Schulen und Kindertagesstätten zu öffnen, obwohl das mit jedem Tag unwahrscheinlicher sein dürfte. Über die Gründe für die zweite Welle wird noch spekuliert. Stadtoberhaupt Bart De Wever führt die explosionsartig gestiegenen Zahlen auf private Feste wie Hochzeiten und Geburtstagsfeiern im großen Kreis zurück, aber auch auf den starken Besuch von Shisha-Bars und Fitness-Studios. Tatsächlich hielten sich die Bürger kaum noch an die Abstandsregeln und die Maskenpflicht – weder in Restaurants noch in Metros, Bahnen und Bussen. Allein am vergangenen Wochenende wurden neun Kneipen in Antwerpen geschlossen. Konsequenz: „Wir setzen die Empfehlungen der Virologen jetzt eins zu eins um“, betonte Premierministerin Wilmès.

Tracking App funktioniert nicht

Dann müsste allerdings mehr geschehen. Nach wie vor fehlen Testkapazitäten, eine Tracking-App funktioniert immer noch nicht. Das Hinterlegen der Kontaktdaten in den Gaststätten unterließen viele Besucher, nachdem es anfangs Fälle von Datenmissbrauch gegeben hatte. Nur eines scheint sich immer deutlicher herauszustellen und wird von Experten sozusagen als Lehre für andere Länder genannt: Waren es bei der ersten Welle im Wesentlichen die Hauptstadtregionen, die zu Hotspots für Infektionen wurden, verbreitet sich der Erreger jetzt ausgehend von den lokalen und regionalen Räumen. In einem Land mit nur 11,5 Millionen Einwohnern sind da schnell viele Gebiete erfasst.

Mit großer Nervosität blicken die Niederlande auf Belgien. Denn auch dort gibt es – wie es von der Regierung heißt – „sträflichen Leichtsinn“, weil sich etwa in Amsterdam an den Sommer-Wochenenden hunderttausende Besucher ohne Maske und Abstand drängen. „Asjeblieft, kom even niet (Kommen Sie bitte bitte nicht)“, appellierte Bürgermeisterin Femke Halsema an potenzielle Gäste. In den vergangenen beiden Wochen stiegen die Infektionszahlen in den Niederlanden um jeweils 1000 Fälle weiter an.

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