Politik

Brexit II Internationale Pressestimmen zur Ablehnung des Ausstiegsplans im britischen Unterhaus

„London hat die Orientierung verloren“

London.„Murks ohne Ende“, „psychologisches Drama“ und „unlösbare Situation“: In ganz Europa reagiert die Presse auf den gescheiterten Brexit-Deal. Doch wie geht es jetzt mit Großbritannien weiter? Die Kommentatoren glauben an Neuwahlen oder ein neues Referendum. Aber es gibt auch Forderungen nach einem sofortigen Austritt.

„Corriere della Sera“ (Italien):

Die Abstimmung im Parlament, die zweite Niederlage von Theresa May in weniger als zwei Monaten, ist verheerend. Mehr als ein politisches und juristisches ist es ein psychologisches Drama. Vielen – der Mehrheit – fällt auf, dass sie (beim Referendum) 2016 betrogen wurden.

„Rzeczpospolita“ (Polen):

Die ganze bisherige Erfahrung mit dem Brexit zeigt, dass eine Trennung von der EU höllisch schwer ist. Nicht, weil diese Scheidende bestrafen will. Sondern, weil die vieljährige Mitgliedschaft in der EU ein Netz gegenseitiger Verbindungen und Abhängigkeiten schafft, die es quasi unmöglich machen, sich zu lösen. Man kann sie nur kappen, was beide Seiten dem Risiko aussetzt, ernsthafte Verluste davonzutragen. Mit der Zeit wird sich alles ordnen, doch dafür gibt es eine Bedingung: Man muss sich in Freundschaft trennen. Es liegt an London, ob das geschieht.

„République des Pyrénées“ (Frankreich):

Der Brexit, der mit der Europäischen Union verhandelt wurde, ist schon mit einem Bungee-Sprung zu vergleichen. Die Mehrheit der Abgeordneten brachte das Land in eine fast unlösbare Situation, in der alles passieren kann, von einem Ende ohne Vereinbarung bis hin zu . . . überhaupt keinem Ende.

„Kurier“ (Österreich):

Es reicht. Über zwei Jahre hatten die Briten Zeit, um einen geordneten, klug durchdachten Rückzug aus der Europäischen Union vorzubereiten. Das Resultat ist stattdessen ein Murks ohne Ende. Daher kann es nur noch eine Lösung geben. Austritt. Und zwar jetzt. Egal, was es kostet. Denn die große Lehre aus den vergangenen Jahren ist leider wohl die, dass in London mehrheitlich offensichtlich politische Egomanen am Werk sind. Am Ende würde ein Weiterwursteln noch weit größeren Schaden verursachen, als dies schon der Fall ist.

„Svenska Dagbladet“ (Schweden):

Das Beste, was man über die jüngste Entwicklung bei den britischen Austrittsverhandlungen sagen kann, ist, dass das ein notwendiger Schritt auf dem Weg zu einem neuen Referendum gewesen ist. Für die, die die EU nicht verlassen wollen, ist eine neue Volksabstimmung eine zweite Chance, fast eine Superchance.

„Jyllands-Posten“ (Dänemark):

Die restlichen EU-Länder schaffen es, klare Gedanken zu bewahren und die Richtung zu kennen. London hat dagegen die Orientierung verloren. Die lange Tragödie um den Brexit ist die Geschichte davon, dass alles, was falsch laufen kann, auch falsch läuft: David Cameron setzte auf ein Referendum, das er verlor. May setzte erst auf eine Wahl, die sie verlor – und seitdem auf ein Abkommen, das zweimal niedergestimmt worden ist. dpa