Politik

Staatsmedien China und die USA werfen sich gegenseitig vor, das Coronavirus in die Welt gesetzt zu haben

Märchenstunde in Peking

Archivartikel

Peking.„Wie stellt man sicher, dass eine Geschichte wie im Märchen endet?“, fragt David Bandurski vom „China Media Project“, einem Forschungsprogramm des Journalistenzentrums der Universität Hongkong. Dieser Strategie ist nun Peking gefolgt. Im brandneuen Buch „A Battle Against Epidemic: China Combatting Covid-19 in 2020“ (Ein Kampf gegen die Epidemie: China und Covid-19 im Jahr 2020) erzählt das kommunistische Regime die Geschichte eines gefährlichen Virus, das nur dank heroischer Führerschaft von Präsident Xi Jinping und der Kommunistischen Partei (KP) sowie der generellen Überlegenheit des chinesischen Systems erfolgreich besiegt worden sei.

Blick auf andere Länder

Flankiert werden die begeisterten Buchkritiken von Schlagzeilen in den Staatsmedien. „Europa neues Epizentrum der Covid-19 Pandemie“, heißt es etwa beim Sprachrohr der chinesischen Regierung, „China Daily“. Und weiter: „Italiener bedanken sich bei China für Nachschub bei medizinischer Versorgung.“ Kein Wort davon, dass das Regime in Peking spät, viel zu spät, im Januar reagierte, nachdem sich nicht mehr verleugnen ließ, dass die Lungenkrankheit, die erst später ihren Namen Covid-19 erhielt, keine lokale Angelegenheit einer chinesischen Provinz bleiben würde.

Rund 81 000 Menschen haben sich mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 in China infiziert, mehr als 3200 sind gestorben, wie die John Hopkins Universität in ihrer Statistik aufführt. Der wirtschaftliche Schaden ist immens, sehr wahrscheinlich wird erstmals seit 1976 die chinesische Wirtschaft schrumpfen. Millionen von Migranten, die in Fabriken arbeiten, stecken irgendwo fest, und die Konsumlaune der Bevölkerung ist auch gebremst. „Entgegen allen Beweise und dem weit verbreiteten Zorn der Menschen, die ihrem Ärger in den sozialen Medien Luft machen, lautet die offizielle Lesart der kommunistischen Partei, der Epidemie von Anfang an mit großer Weisheit und Effektivität begegnet zu sein“, betont Bandurski.

So schreibt etwa Chinas Parteiorgan „People’s Daily“: „Der Virus war ein Test, und Regierung und Bevölkerung haben ihn erfolgreich bestanden.“ Wer anderes behauptet, wird mundtot gemacht; der 69-jährige Immobilienmagnat Ren Zhiqiang, der Xi einen Clown genannt hatte, wird von seinen Freunden seit ein paar Tagen als vermisst gemeldet. Gleichzeitig werden die alten Machtkämpfe zwischen den Klassenfeinden USA und China fortgesetzt – statt Handelskrieg, der die politische Agenda der zwei Länder zuletzt bestimmte, heißt das Thema nun: Coronavirus. Schon als Washington im Januar diplomatisches Personal aus der am stärksten betroffenen Stadt Wuhan zurückbeorderte, warf Peking den Amerikanern vor, unnötig Panik zu verbreiten und überzureagieren.

Verschwörungstheorien kursieren

Dann wurde fälschlicherweise kolportiert, die USA seien die ersten gewesen, die Einreiseverbote gegen Chinesen verhängt hätten. Auch habe es keine „substanzielle Hilfe“ seitens der Amerikaner gegeben. Chinas Top-Virologe Zhong Nanshan erklärte schließlich, das Virus komme womöglich gar nicht aus China, es habe sich dort nur zum ersten Mal gezeigt. Derweil kursieren Verschwörungstheorien, die US-Amerikaner hätten den Erreger als Biowaffe gegen die Chinesen eingesetzt.

Trump spricht von „China-Virus“

Auch US-Präsident Donald Trump hatte die sich anbahnende Pandemie lange Zeit als „Fake-Nachrichten“ bezeichnet. Sein Sicherheitsberater Robert O’Brien schiebt die Schuld auf Peking und wirft den Kommunisten „Vertuschung“ vor, was die Weltgemeinschaft wertvolle zwei Monate gekostet habe, um zu reagieren. Nun sorgte Trump mit einer Nachricht auf Twitter für Empörung, in der er nicht den offiziellen Namen des neuartigen Virus, Sars-CoV-2, verwendete, sondern vom „China-Virus“ sprach. Pekings Außenministerium reagierte erbost: Dies sei eine „Art der Stigmatisierung“. Die US-Regierung hat inzwischen die Arbeit chinesischer Staatsmedien in den USA eingeschränkt. Die Reaktion aus Peking ließ nicht lange auf sich warten. Am Mittwoch ordnete das Außenministerium die Ausweisung mehrerer Journalisten amerikanischer Zeitungen an. Betroffen sind die „New York Times“, das „Wall Street Journal“ und die „Washington Post“. (mit dpa)

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