Politik

Manfred Loimeier kritisiert Aufgeregtheit und Willkür in der Diskussion um Corona und das Impfprogramm

Mal langsam

Archivartikel

Meine Oma sagte immer, es habe noch niemandem geschadet, erst einmal nachzudenken und dann erst den Mund aufzumachen. Wahrscheinlich war sie nicht die Erste und Einzige auf Erden, die das sagte, aber manche Weisheiten weisen eben eine geradezu ewige Gültigkeit auf.

Nun ist Weisheit das eine, und das Politikgeschäft das andere. Wer um Wählerstimmen kämpfen muss, muss auf sich aufmerksam machen, und wer auf sich aufmerksam machen will, muss zu Themen und Argumenten greifen, die schlicht eine möglichst große Öffentlichkeit versprechen.

Zum Beispiel: Privilegien für Geimpfte. Es sind ja immerhin schon mehrere Zehntausend Menschen in Deutschland gegen das Coronavirus geimpft, also dagegen, an Covid-19 zu erkranken. Diese Menschen sollen jetzt Privilegien erhalten, finden einige. Da allerdings in der ersten Impfphase überwiegend Einwohner von Pflegeheimen sowie über 80-Jährige berücksichtigt werden, scheint die Frage, ob sie denn jetzt auch schon zum Beispiel in – indes noch geschlossene – Restaurants, Bars, Diskotheken oder Kinos gehen dürfen, pragmatisch gesehen irgendwie kaum dringlich. Alles zu seiner Zeit, hätte meine Oma dazu eine biblische Weisheit zitiert.

Ach, und wie viele Politiker sind derzeit der Meinung, dass die jeweils anderen Politiker im Sommer versagten, als sie Corona-Lockerungen und Inlandsreisen ermöglichten und dem harten Lockdown dieses Winters nicht mit einem noch härteren Lockdown zuvorkamen? Bin ich der Einzige, der im Sommer die Stimmen vernahm, dass die Wirtschaft wieder angekurbelt, der Einzelhandel gefördert und die Reisebranche gestützt werden müsse? Und dass ein früher Lockdown das allerallerfalscheste Mittel sei? Gut, schon damals ging es beispielsweise um den CDU-Vorsitz oder die Unbedeutsamkeit der FDP, so dass Herren wie Armin Laschet oder Christian Lindner meinten, eventuellen Wählern besonders entgegenkommen zu müssen. Ja, wenn der Tag lang ist, dann reden die Menschen viel, sagte – Sie wissen schon – meine Oma gern.

Und jetzt also Israel. Dort werde viel schneller und mehr geimpft mit noch mehr Impfstoff als hierzulande, und das, wo doch der Biontech-Impfstoff aus Deutschland kommt. Habe ich in Erdkunde nicht richtig aufgepasst und ist der Staat Israel mit einem Mal flächen- sowie einwohnermäßig viel größer als Deutschland? Hat sich die Tatsache, dass BNT162b2 – neuerdings sind wir ja alle pharmazeutische Experten – zwar von Biontech in Mainz entwickelt wurde, aber von Pfizer in den USA und Belgien produziert wird, nur mir erschlossen? Also der logistische Unterschied zwischen Forschungs- und Produktionsstandort? Die Dummheit der Menschen ist schlimmer als das Virus – nee, meine Oma hat das nicht gesagt, könnte aber gut von ihr stammen.

Und wie war das mit der Kritik an den Coronamaßnahmen, weil sie am Parlament in Berlin vorbei beschlossen wurden? Undemokratisch sei das, hieß es. Aber als es dann um die gemeinschaftliche Abstimmung in der Europäischen Kommission zur Zulassung des Biontech-Impfstoffs ging, da wurden derlei demokratische Meinungsbildungsprozesse als unsinnige Zeitverzögerung abgetan.

Erkenntnis und Interesse, schrieb der Frankfurter Philosoph Jürgen Habermas Ende der 1960er Jahre, bedingen einander – man holt sich die Argumente, wie sie einem passen. Fakten sind etwas anderes. Was meine Oma zu solcher Beliebigkeit sagen würde? Das wollen Sie lieber nicht wissen.

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