Politik

Corona Der monatelange Ausnahmezustand belastet viele Menschen / Psychologin rät, Sozialkontakte zu pflegen

Mannheimer Psychologin gibt Corona-Tipps

Mannheim.Simona Maltese vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim empfiehlt eine langfristige Strategie für die Pandemie. Jeder und jede sollte sich fragen: „Wie will ich mein Leben in dieser Zeit ausrichten?“, sagt die Psychologin im Interview.

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Frau Maltese, zu Beginn des ersten Lockdowns im März haben wir schon einmal gesprochen. Seither sind sieben Monate vergangen. Welche psychischen Spuren hat die Pandemie seither hinterlassen?

Simona Maltese: Da ist die Forschungslage noch nicht ganz klar. Eine Studie des ZI, bei der Mannheimer Bürger befragt wurden, konnte zum Beispiel keine Unterschiede beim psychischen Wohlbefinden und der Zunahme psychischer Störung im Vergleich zu 2018 zeigen. Allerdings sehe ich bei meinen eigenen Patienten schon, dass die subjektiv empfundene Belastung zugenommen hat und das Wohlbefinden bei sehr vielen beeinträchtigt ist. Auch wenn man andere Forschungsergebnisse betrachtet, ist der Tenor häufig: Schon der erste Lockdown hat die Menschen stark belastet.

Gibt es Altersgruppen, denen es besonders schlecht erging?

Maltese: Deutschlandweit wurden im Mai fast 8000 Menschen von Forschenden verschiedener Universitäten befragt. Dabei zeigte sich, dass sich Personen zwischen 30 und 60 Jahren besonders stark belastet fühlten. Und zwar stärker als jüngere oder ältere. Außerdem fühlten sich Frauen stärker belastet als Männer.

Wie kommt das?

Maltese: Die Doppel- oder Mehrfachbelastung im ersten Lockdown traf vor allem Frauen. Viele mussten neben ihrem Job im Homeoffice auch den Haushalt erledigen und sich parallel um die Kinder kümmern. Das ist in der aktuellen Phase der Pandemie zum Glück nicht so, weil Schulen und Kitas offen sind. Aber natürlich kann sich das durch einen lokalen Ausbruch schnell ändern.

Gibt es Gruppen, die psychisch widerstandsfähiger sind?

Maltese: Jeder und jede von uns hat gewisse psychische Risiko- und Schutzfaktoren. Doch die kann man meines Erachtens nicht an Altersgruppen festmachen. Das hat eher etwas mit der Persönlichkeit und dem persönlichen Umfeld zu tun. Was interessant ist: Menschen, die sich gut informieren, fühlen sich Studien zufolge psychisch besser als diejenigen, die sich nicht so gut informieren.

Kann ein Lockdown auch positive Auswirkungen haben?

Maltese: Ja, in der Tat. Fast die Hälfte der befragten Personen einer aktuellen Studie der Universität Osnabrück hat angegeben, sie habe es genossen, mehr Zeit zu haben - zum Innehalten, zum Entspannen. Viele haben eine Verbundenheit zur Natur entdeckt. Allerdings hat wiederum rund ein Drittel dieser Menschen gesagt, dass sie sich dennoch belastet, teilweise sogar bedroht gefühlt haben.

Was ist das größte Problem an der Dauer-Ausnahmesituation?

Maltese: Für Alleinstehende ohne Kernfamilie stellt Einsamkeit häufig ein Problem dar. Aber auch genau das Gegenteil, nämlich keine Privatsphäre zu haben, kann belasten. Wenn zum Beispiel Eltern, Kinder, vielleicht noch Großeltern, auf engem Raum zusammenleben. Für Jugendliche ist es auch problematisch, wenn der Kontakt mit Freunden eingeschränkt wird und der Sport wegbricht. Und so hat jede Gruppe ihre Probleme.

Was kann man nach so vielen Monaten Pandemie für die eigene psychische Gesundheit tun?

Maltese: Wer viel Zeit zuhause verbringt, sollte die Wohnung so einrichten, dass er oder sie sich darin wohlfühlt. Diejenigen, die im Homeoffice arbeiten, können vielleicht die Büroecke noch ein wenig angenehmer gestalten. Auch ein Arbeitssetting ist wichtig. Dazu gehört, sich ordentlich anzuziehen und für eine Tagesstruktur zu sorgen.

Und abgesehen von der Arbeit?

Maltese: Wir sollen in dieser Pandemie zwar körperliche, aber nicht soziale Distanz halten. Deswegen gilt es weiterhin, Kontakte zu anderen zu pflegen - auch außerhalb der Kernfamilie. Das geht zum Beispiel bei Spaziergängen mit Abstand oder digital. Und natürlich sollten wir alle aktiv bleiben.

Was empfehlen Sie?

Maltese: Tageslicht und Bewegung sind immer gut, aber auch all das, was für einen selbst möglichst vielseitig und herausfordernd ist. Das kann Joggen an der frischen Luft sein, ein Online-Fitnesskurs, Meditation oder kreatives Arbeiten. Da gibt es so viele Möglichkeiten, man kann zum Beispiel einen Adventskalender basteln und damit anderen eine Freude machen

Abgesehen vom Adventskalender klingt das sehr ähnlich wie im Frühjahr.

Maltese: Ja, vieles gilt noch immer. Aber dieses Mal geht es auch darum, eine langfristige Strategie zu entwickeln. Also nicht die Luft anzuhalten und zu sagen: Den Monat überstehen wir jetzt auch noch. Die Pandemie ist dann ja nicht vorbei. Deswegen geht es erst einmal darum, das Ganze zu akzeptieren und zu sagen: Das ist jetzt der Ist-Zustand. Wir müssen damit leben. Dann sollte ich mich fragen: Wie möchte ich damit leben? Wie will ich mein Leben in dieser Zeit ausrichten? Was macht mich glücklich, was ist mir wichtig, wenn so viel wegbricht? Und schließlich sollte man nach Wegen suchen, dies umzusetzen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Maltese: Wenn mir etwa das gemeinsame Glühweintrinken mit meinen Freunden auf dem Weihnachtsmarkt wichtig ist, dann kann zum Beispiel jeder von uns dick eingepackt und bei Kerzenschein auf den eigenen Balkon oder an einen anderen Ort nach draußen gehen und wir können bei Videotelefonie gemeinsam einen Glühwein trinken. Das ist jetzt nur ein Beispiel, aber es zeigt das Prinzip: Wie ich trotz der Einschränkungen das umsetzen kann, was mir wichtig ist, und so schöne Momente herstellen kann. Auch in der Pandemie.

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