Politik

Analyse Der Ministerpräsident könnte Kandidat für das Kanzleramt werden / SPD ist im politischen Wettbewerb erstmal abgemeldet

Markus Söder läuft sich warm

Archivartikel

Mannheim.Das Jahr ist erst wenige Tage alt, da schallt es via „Bild am Sonntag“ aus der bayerischen Staatskanzlei: In der Bundesregierung sei es wie im Fußball, „in der zweiten Halbzeit verstärkt man sich mit neuen und frischen Kräften. Wir sollten daher bis Mitte des Jahres das Regierungsteam verjüngen und erneuern. Denn es braucht Aufbruchstimmung.“ Das sagt Bayerns Ministerpräsident und CSU-Vorsitzender Markus Söder. Gleichzeitig dementiert er, selbst Kanzler werden zu wollen. Die politische Lage ist rau, anderthalb Jahre vor der nächsten Bundestagswahl. Und rau kann Söder: Wenig diplomatisch und oft polternd verfolgte er seine Interessen.

Horst Seehofer, der sicher auch der Adressat von Söders Erneuerungsforderung ist, musste für den jetzt 53-jährigen Franken erst den Posten des Ministerpräsidenten frei machen, dann auch den CSU-Vorsitz abgeben. Was dem einstigen Alpha-Männchen Seehofer bleibt, ist das Amt des Innenministers in der schwarz-roten Koalition um Kanzlerin Angela Merkel.

Hinzukommt, dass Seehofer bei vielen Konservativen noch immer beliebt ist – darum könnte der neueste Vorstoß seines einst schärfsten Konkurrenten auch nach hinten losgehen. Dabei hatte sich Söder, seit er Partei- und Landeschef ist, eher zahm gezeigt. In die sozialen Netzwerke werden Bilder gespielt, die den Familienvater mit Katzen und Hunden zeigen. Er betont die Bewahrung der Schöpfung, will schnell aus der klimafeindlichen Kohleindustrie aussteigen und hat sein Herz für Bienen entdeckt.

AKK fehlt es an Glücksgriffen

Keine Frage: Markus Söder will – neben dem üblichen bayerischen Gepoltere – kein Feindbild mehr für die populären Grünen sein. Sollte es nach der Bundestagswahl im Herbst 2021 für Schwarz-Grün reichen, soll eine solche Allianz definitiv nicht an reaktionären Tönen aus Bayern scheitern. Das macht Söder klar und damit unterstreicht er seine Ambitionen auf mehr Macht in Berlin, im Zweifel auch als Kanzlerkandidat.

In der Schwesterpartei CDU wird Markus Söder auf dem vergangenen Parteitag gefeiert – mehr als die noch immer glücklos agierende CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer. Diese betont zwar bei jeder sich bietenden Gelegenheit, dass sie als CDU-Chefin das letzte Wort in der Kandidatenfrage hat – doch das ist die graue Theorie: Die Saarländerin AKK müsste in den nächsten Monaten einen Glücksgriff landen, um ordentlich an Zustimmung zu gewinnen. Das beste Amt in der Bundesregierung hat sie dafür nicht. Verteidigungsminister sind oft mit schlechten Nachrichten verknüpft, strahlen können sie wenig. Das Glänzen wird Kramp-Karrenbauer zudem durch die amtierende Kanzlerin erschwert. Seit Merkel keine CDU-Vorsitzende mehr ist und ihr Rückzug nach der Bundestagswahl feststeht, begeistert sie mit ihrem fleißigen und unaufgeregten Stil die Menschen wieder. Darum läuft AKK mit Erneuerungsparolen auch in der eigenen Partei ziemlich regelmäßig ins Leere.

Und für die Merkel Kritiker gibt es ja noch den Unruhegeist Friedrich Merz. Wenn sich in der CDU also die Reihen nicht zügig schließen, ja dann bleibt der Blick bei der Kandidatensuche womöglich ganz von selbst in Bayern hängen. Ein Strich durch die Rechnung können Söder bei der Wahl zwei andere machen: Robert Habeck und Annalena Baerbock – die Doppelspitze der Grünen. Sie reitet auf der Welle der Popularität, liegt in Umfragen dicht an der Union. Was möglicherweise fehlt: der Mut, formell als Kanzlerkandidaten anzutreten. Und natürlich müssen sie die Frage beantworten, wer das Amt anstrebt. Denn Doppelspitzen sind nicht vorgesehen.

Grüne müssen sich festlegen

Genau das könnte die Grünen in den kommenden Monaten vor eine Zerreißprobe stellen. Beliebt sind Baerbock und Habeck gleichermaßen, ein parteiinterner Wahlkampf um die Spitzenkandidatur könnte die Grünen stark belasten.

Und die SPD? Das neue Führungstandem Saskia Esken und Walter Norbert-Borjans scheitert gerade an sich selbst: Vollmundige Versprechungen werden wieder eingesammelt, Glaubwürdigkeit ist in der SPD kaum noch vorhanden. Dass die Sozialdemokraten ernsthafte Ambitionen auf das Kanzleramt haben, darf zumindest für die anstehende Wahl bezweifelt werden – realistische Chancen jedenfalls haben sie absehbar keine.

In seiner Analyse verbindet Marco Pecht Fakten und seine persönliche Meinung zu möglichen Kanzlerkandidaten.

Zum Thema