Politik

Belarus Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja bittet Angela Merkel um mehr Unterstützung und gibt sich kämpferisch

„Mauer zum Einsturz bringen“

Archivartikel

Berlin/Minsk.Swetlana Tichanowskaja ist erstmals in Berlin. Gleich nach ihrer Ankunft am Montagnachmittag hat die belarussische Oppositionsführerin am Potsdamer Platz Station gemacht, wo ein Stück Berliner Mauer ausgestellt ist. „Ich war überrascht und erfreut zu sehen, dass es in roter und weißer Farbe bemalt ist”, sagt Tichanowskaja tags darauf im Gespräch mit Journalisten. Die Mauer in den belarussischen Nationalfarben Weiß-Rot-Weiß – das habe ihr zu verstehen gegeben, dass Belarus jetzt sein Wendejahr 1989 erlebe. „Wir sind voller Vorfreude auf Veränderung”, sagt Tichanowskaja. „Wir stehen auf der Mauer und wollen sie zum Einsturz bringen.”

Noch bis vor Kurzem war Swetlana Tichanowskaja (38) kaum jemandem in Belarus bekannt. Die studierte Übersetzerin kümmerte sich um die beiden Kinder. Ihr Ehemann, der Videoblogger Sjarhej Zichanouski, wollte im Sommer als Präsidentschaftskandidat gegen den Diktator Alexander Lukaschenko antreten. Im Mai aber wurde er verhaftet, und statt seiner trat Swetlana Tichanowskaja am 9. August zur Wahl an. Sie wurde das Gesicht einer Massenbewegung, die sich ihrer Wahl, ihrer Freiheit und ihrer Zukunft beraubt sieht.

Tichanowskaja führt aus dem litauischen Exil heraus die Bewegung an. Ihre Mission ist es, die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf die verfolgten und unterdrückten Menschen in Belarus zu lenken. Zu diesem Zweck reiste die Bürgerrechtlerin nach Berlin. Deswegen traf sie am Dienstag zahlreiche Bundestagsabgeordnete und auch die Bundeskanzlerin. Angela Merkel hatte Tichanowskaja für Dienstagnachmittag ins Kanzleramt eingeladen.

Erfolglose Mittlerversuche

„Niemand würde eine Einladung von Angela Merkel ausschlagen”, hatte Tichanowskaja zuvor gesagt. „Einmal abgesehen von Lukaschenko, der nicht ans Telefon geht, wenn die Kanzlerin anruft”, berichtet sie über die bisher ergebnislosen Vermittlerbemühungen Merkels. Es ist einer der wenigen Momente bei dieser Pressebegegnung an diesem Dienstagmorgen, in denen ein Lächeln über ihr Gesicht huscht. Tichanowskaja spricht leise, ernst und konzentriert. Die große, schwarze Mappe mit Notizen hält sie wie ein Schild vor ihren Körper.

Tichanowskaja bat Merkel abermals um ihre Mittlerdienste. Die belarussische Opposition fordert den Rücktritt Lukaschenkos, die Freilassung aller politischen Gefangenen und Neuwahlen. Auch solle die EU ihre beschlossenen Sanktionen ausweiten auf Geschäftsfreunde Lukaschenkos sowie auf „russische Propagandisten”, die mit dem Verbreiten von Lügen die belarussische Opposition diskreditierten.

Über die russische Einmischung in Belarus würde Tichanowskaja auch gern einmal mit Kremlchef Wladimir Putin persönlich sprechen. „Ich würde Putin darum bitten, nicht das Regime zu unterstützen. Ohne seine Hilfe würden wir das Regime schnell brechen“, sagt sie in Berlin. Ob sie nicht fürchte, mit ihrem Werben um Hilfe aus Europa den Behauptungen Lukaschenkos Vorschub zu leisten, wonach der Westen hinter dem Umsturzversuch in Belarus stecke? „Die Verteidigung von Menschenrechten ist keine Einmischung von außen”, entgegnet sie. Europäische Staaten schickten keine Propagandisten ins Land oder Geld ans Regime. „Sie zeigen, dass sie gegen die Gewalt sind”, sagt Tichanowskaja.

Politische Zukunft ungewiss

Zu ihrem Ehemann hat Tichanowskaja keinen direkten Kontakt. Sie tauschen sich über seine Anwältin aus, die ihn zweimal pro Woche in der Haft besucht. „Es geht ihm den Umständen entsprechend okay”, sagt sie und stockt. „Er denkt viel an die Kinder.”

Tichanowskaja hatte ihren Weg in die Politik nicht geplant. Auch ihr Verbleib dort scheint unklar. „Ich habe eine Übergangsrolle”, sagt sie, als sie nach ihrer politischen Zukunft gefragt wird. Sie wisse nicht, ob sie nach etwaigen Neuwahlen weitermachen würde. Politik sei schwierig. „Vielleicht ist es einfacher, Politikerin zu sein, wenn alles wundervoll ist und man nicht jeden Tag Angst haben muss”, sagt Tichanowskaja. „Aber das sind Umstände, die ich nicht kenne.”

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