Politik

Ukraine Schauspieler Wladimir Selenski verpasst Präsident Petro Poroschenko Denkzettel und zwingt ihn in die Stichwahl

Mehr als nur eine Polit-Show

Archivartikel

MOSKAU.Die Ukrainer haben sich nach einem neuen Gesicht in der Politik gesehnt. Dieses neue Gesicht kneift die Lippen zusammen und lächelt verlegen. Wladimir Selenski gab sich auch in der Wahlnacht, nachdem klar geworden war, dass es der 41-jährige Polit-Neuling mit einem besseren Ergebnis als erwartet in die Stichwahl in drei Wochen geschafft hat, so, wie er es gewohnt ist: tollpatschig und liebenswürdig. Hier verschwammen die Konturen zwischen dem Schauspieler Selenski und dem Politiker Selenski. Der ausgedachten Präsidentenfigur Wassili Goloborodko, die der Ukrainer mit der unnachahmlich rauen Stimme seit bald vier Jahren darstellt, und ihm, dem echten Präsidentenanwärter Selenski.

So recht unterscheiden lässt sich dieser Mix aus Fiktion und Realität auch nach der Wahl in der Ukraine nicht. Selenski ist zwar noch kein Präsident, aber er ist auf gutem Weg dorthin. Immerhin kam er auf rund 30 Prozent der Stimmen, Amtsinhaber Petro Poroschenko landete mit 16 Prozent abgeschlagen auf Platz zwei. Es war eine Protestwahl, nach der sich zeigen muss, ob Poroschenko es schafft, den Menschen im zweitärmsten Land Europas bei der Stichwahl in drei Wochen auch seine Erfolge näherzubringen: den vorsichtigen wirtschaftlichen Aufschwung, Reformen im Gesundheits- und Bildungsbereich, die Dezentralisierung, die einzelnen Regionen mehr Macht gibt.

Poroschenkos Auftritt in der Wahlnacht nährte allerdings Zweifel. Zwar gab er sich als Garant der Stabilität und versuchte, die sich von ihm Abgewandten für sich einzunehmen: „Ich habe verstanden“, sagte Poroschenko angesichts des Denkzettels, den ihm die Wähler verpasst haben. Gleich darauf stempelte er Selenski allerdings zum „Kandidaten Russlands“ ab und zeigte so, dass er offensichtlich wenig verstanden hat und die Wähler nicht ernst nimmt.

Große Verliererin Timoschenko

Selenski – auch wenn er den Populismus pflegt und bislang wenig politisch Stichhaltiges von sich gab, weil er lieber auf positive Stimmung und Klamauk setzte – steht ebenfalls für die Annäherung an die EU und die Nato. Seine Rhetorik gegenüber Russland ist allerdings nicht so aggressiv wie die Poroschenkos, der im Wahlkampf offen sagte: „Entweder ich oder Putin.“

Poroschenkos national-patriotische Töne kamen bei vielen Wählern nicht an, lediglich in zwei Regionen und bei den Auslandsukrainern holte Poroschenko die Mehrheit. Selbst in der Kampfzone fiel der Zuspruch gering aus. Im Osten des Landes, in den nicht besetzten Zonen der Gebiete Donezk und Lugansk kam der russlandfreundliche Kandidat Juri Bojko auf Platz eins.

Die große Verliererin der Wahl ist Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko, die zum dritten Mal versuchte, Staatsoberhaupt zu werden, und zum dritten Mal scheiterte. Selenski kündigte bereits an, sich einer direkten Debatte mit Poroschenko zu stellen. Damit würde er seinen Anti-Wahlkampf – keine politischen Auftritte, keine Interviews, keine Kundgebungen – aufgeben. In den kommenden Tagen dürfte sich auch zeigen, wie beide die Anhänger der Kandidaten aus dem ersten Wahlgang überzeugen wollen. Mit seiner harten Kriegsrhetorik und der Untätigkeit in Sachen Korruption gilt Poroschenko für viele als unwählbar. Selenski verwechseln viele mit seiner Serienfigur Goloborodko.