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Mehr Klarheit

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Europa braucht eine starke Führungsriege. Doch ob die Mannschaft, mit der Ursula von der Leyen als Präsidentin die nächsten fünf Jahre regieren will, diesem Anspruch gerecht wird, liegt weder in ihrer noch in der Hand derer, die sich nun als Kandidaten bewerben.

Wichtiger als je zuvor wird in der neuen Amtsperiode, dass nicht nur die Zusammenarbeit zwischen dem Europäischem Parlament und dem „Team Ursula“ klappt, sondern auch die Kooperation mit den Mitgliedstaaten. Es kann nicht sein, dass die Regierungen sozusagen ihre europäische Verantwortung in Brüssel abgeben und sich dann wieder auf ihre nationale Sichtweise zurückziehen. Ob es jetzt um Klimaschutz, Migration, Digitalisierung oder Sozialunion geht – die Gemeinschaft leidet in vielen Fällen nicht an fehlenden Vorschlägen zur Zusammenarbeit, sondern deren Umsetzung.

Die Ignoranz mancher Hauptstädte gegenüber Brüssel hat groteske Züge angenommen, die die Gemeinschaft weitaus mehr blockiert als gemeinhin angenommen. Es ist sicherlich zu früh, um sich ein erstes Urteil über das neue Kommissionsteam bilden zu können. Aber absehbar scheint bereits, dass von der Leyen weniger Alpha-Tiere um sich haben dürfte als ihr noch amtierender Vorgänger Jean-Claude Juncker, zu dessen Mannschaft sieben ehemalige Staats- oder Regierungschefs und etliche Ex-Minister gehör(t)en.

Das hat in den zurückliegenden Jahren nicht immer, aber doch immer wieder zu Eifersüchteleien geführt – vor allem aber zu Intransparenz, weil der Bürger am Ende nicht mehr wusste, welcher der Vizepräsidenten-Kommissare und welcher Fachkommissar denn nun wirklich zuständig war.

Von der Leyen weiß: Die Bürger wollen Klarheit. Das Bedürfnis, europäische Politik zu verstehen und übrigens auch mitgestalten zu können, ist groß. Dies hat die überraschend hohe Wahlbeteiligung gezeigt. Das Übergehen der Spitzenkandidaten aller Parteienfamilien bei der Besetzung der Top-Jobs war ein Rückschlag. Von der Leyen muss dies reparieren, man könnte auch sagen: Sie muss diese Wunde im Vertrauensverhältnis zwischen Bürger und EU-Spitze heilen. Das ist kein Wunsch, sondern ein Auftrag, den sie jedem Bewerber für ihre Mannschaft mitgeben sollte.

Jeder, der als künftiges Mitglied der Europäischen Kommission ins Rennen geht, wird von den Abgeordneten befragt – zur Person, zu seinem Ressort, zu seinen politischen Vorstellungen. Damit ist die Möglichkeit einer Ablehnung verbunden.

Es ist an der Zeit, das populäre Motto, Europa solle im Großen groß und im Kleinen klein sein, zu den Akten zu legen. Von Brüssel erwarten die Menschen eine Politik, die bei ihnen ankommt. Wenn Unternehmer und Dienstleister an bürokratischen Auflagen der Mitgliedstaaten scheitern und regelrecht ausgebremst werden, muss die EU Lösungen schaffen und nicht nur wirkungslose Appelle verbreiten. Nur dann wird diese Union von den Bürgern gebraucht, geschätzt – und gestützt.

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