Politik

Terrorismus Lobby-Organisation lobt Präsident Donald Trump / Pistolen und Gewehre sind verbriefte Verfassungsrechte

Mehr Waffen als US-Bürger

Archivartikel

Washington.Das Land hat sich auf verstörende Weise an diese Nachrichten gewöhnt: Wieder einmal kommen in den USA Dutzende Menschen ums Leben – durch Schüsse brutaler Schützen, die wild um sich feuern. Diesmal trifft es El Paso in Texas und Dayton in Ohio. Und wieder einmal beginnt danach eine hilflose Debatte über mögliche Konsequenzen. Chancen, dass die Epidemie der Waffengewalt in Amerika tatsächlich endet, gibt es nicht.

Das Recht auf Waffenbesitz ist in der US-Verfassung verankert – und in den Herzen vieler Amerikaner. Diesen zweiten Verfassungszusatz wagt niemand anzutasten. Er war zwar für eine Zeit gemacht, in der die USA großenteils aus unerschlossener Wildnis bestanden und ihre Bürger weit entfernt von Ortschaften lebten. Aber auch heute ist das Recht, eine Waffe zu besitzen, vielen US-Bürgern heilig.

Tausende Tote

Während in vielen Ländern ein aufwendiges Prozedere nötig ist, um sich eine Waffe zu kaufen – Kurse, Lizenzen und Unmengen an Papierkram –, ist es in den USA sehr leicht, sich eine Waffe zu beschaffen. Es gibt Unterschiede je nach Bundesstaat, aber zum Teil werden Waffen sogar im Supermarkt verkauft, bei Vorlage von ein paar Dokumenten. Laut der Studie Small Arms Survey gibt es keinen anderen Staat mit so vielen Handfeuerwaffen pro Kopf im Besitz von Zivilisten: Es gibt mehr Waffen als Bürger in den USA, 120 Stück pro 100 Einwohner. Das sorgt für traurige Rekorde in anderen Statistiken: Nach Angaben der Organisation Gun Violence Archive sind in den USA allein seit Jahresbeginn mehr als 8700 Menschen durch Schusswaffen umgekommen – darunter sind auch Fälle, in denen Polizisten schossen.

Regelmäßig kommt es zu Fällen, bei denen Schützen in Einkaufszentren, Schulen oder auf offener Straße das Feuer eröffnen und ein Blutbad anrichten – wie nun in El Paso und Dayton. Laut Gun Violence Archive gab es allein in diesem Jahr mehr als 250 „Mass Shootings“: Das sind nach Definition der Organisation Fälle, bei denen mindestens vier Menschen durch Schusswaffengewalt verletzt oder getötet wurden. Rein rechnerisch ist das mehr als ein solcher Vorfall pro Tag.

Nach diesen Attacken wiederholen sich immer gleiche Reflexe: Waffenbefürworter empfehlen, Lehrer, Sicherheitsleute oder Bürger mit mehr Waffen auszustatten, damit diese sich gegen Angriffe schützen können. Waffengegner rufen nach schärferen Waffen-Gesetzen – etwa nach einem Verbot von Kriegswaffen wie Sturmgewehren. Letzteres haben andere Länder vorgemacht: Neuseeland etwa verbot nach dem Anschlag auf die beiden Moscheen in Christchurch halb automatische Waffen. Mehr als 9000 Waffen wurden dort so in den vergangenen Monaten aus dem Verkehr gezogen.

Am Montag nach dem blutigen Wochenende in El Paso und Dayton spricht sich US-Präsident Donald Trump zunächst dafür aus, die Hintergrundchecks für Waffenbesitzer zu verschärfen. Als er sich drei Stunden später im Weißen Haus mit einer Ansprache an die Nation richtet, erwähnt er das nicht mehr, sondern nennt eine Reihe anderer Konsequenzen: Unter anderem sollen psychisch Kranke, die eine Gefahr für die Öffentlichkeit darstellen, keine Waffen mehr besitzen dürfen. Trump sagt dazu: „Geisteskrankheiten und Hass drücken ab, nicht die Waffe.“ Die Waffenlobbyorganisation NRA reagiert erfreut und lobt die Linie des Präsidenten. Demokraten dagegen spotten, es habe nur drei Stunden gebraucht, damit Trump von seiner Forderung abrücke.

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