Politik

Griechenland Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt hat sich selbst ein Bild der Lage auf Lesbos gemacht

„Menschen sind total erschöpft“

Berlin.Die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Katrin Göring-Eckardt, hat am Wochenende das abgebrannte Flüchtlingslager Moria auf Lesbos besucht. Die Lage sei desolat, berichtet sie im Gespräch mit dieser Redaktion. Hilfe für die Menschen sei vor Ort noch kaum angekommen.

Frau Göring-Eckardt, Sie waren auf Lesbos. Wie ist dort die Lage?

Katrin Göring-Eckardt: Es gibt nicht genug zu essen und zu trinken, die medizinische Versorgung ist desolat. Die Hilfe für die Menschen ist viel zu spät angelaufen und noch nicht wirklich angekommen. Ich habe viele Menschen gesehen, die krank sind und Hilfe bräuchten. Das ist dramatisch. Und die Menschen sind total erschöpft. Außerdem ist die Angst groß, in einem neuen Zeltlager wieder eingesperrt zu werden.

Ein neues Camp wäre zunächst keine Hilfe?

Göring-Eckardt: Es braucht Nothilfe. Allerdings ist die Situation für die Geflüchteten selbst extrem problematisch, aber genauso für die Bevölkerung auf Lesbos. Normale Bewohner sagten mir, dass sie das nicht mehr alleine stemmen können. Selbst die, die Hilfsorganisationen unterstützen, sind verzweifelt. Zudem treiben Rechte und Rassisten dort jetzt ihr Unwesen.

Es gibt das Argument, die Aufnahme der Moria-Flüchtlinge könnte zu einem Pull-Effekt führen, also weitere Flüchtlinge animieren, nach Europa aufzubrechen. Sehen Sie diese Gefahr?

Göring-Eckardt: Die Erfahrung spricht dagegen. Migrationsforscher haben vor wenigen Tagen in einem Schreiben an Innenminister Horst Seehofer klargemacht, es gibt keine wissenschaftlich erwiesenen Pull-Effekte. Wichtig ist: Wir brauchen schnellere Asylverfahren, damit schnell Klarheit geschaffen wird, wer aufgenommen werden kann und wer nicht. So kann verhindert werden, dass Menschen sich auf den Weg machen, die keine Chance auf Asyl haben.

Das Lager soll von Flüchtlingen selbst angezündet worden sein. Gegner einer Aufnahme sagen, man dürfe das nicht belohnen. Spielt dieses Argument für Sie keine Rolle?

Göring-Eckardt: Wir wissen nicht, wer das Camp angezündet hat. Die Menschen haben ihr letztes Hab und Gut verloren. Ich habe verkohlte Tassen, Kinderspielzeug und ganz viel Kleidung gesehen. Die Menschen haben jetzt nichts mehr. Sie sind Opfer des Brandes. Deswegen finde ich das Argument zynisch. Die Brandstifter, die Leben in Gefahr gebracht haben, müssen ermittelt werden.

Wenn Sie Innenministerin wären, was würden Sie jetzt unternehmen?

Göring-Eckardt: Als erstes hätte ich in der letzten Woche alle Kommunen angerufen, die sagen, sie können Menschen aufnehmen und dann wäre klar gewesen, wie viele sofort Platz finden könnten. Das hätte auch die Situation auf Lesbos entspannt, weil eine Lösung in Sicht wäre. Und dann hätte ich eine Koalition der Willigen in Europa umgesetzt, von der schon lange die Rede ist.

Wie viele Menschen würden Sie denn aufnehmen wollen in Deutschland?

Göring-Eckardt: Es ist die Aufgabe von Innenminister Horst Seehofer, sich damit zu beschäftigen. Selbst einige Abgeordnete der Union fordern jetzt, 5000 Personen aufzunehmen, das würde für eine wesentliche Entspannung auf Lesbos sorgen. Und Horst Seehofer selbst hat vor Monaten die Koalition der Willigen vorgeschlagen. Jetzt hätte er die Chance, das, wovon er oft spricht, auch umzusetzen – Humanität und Ordnung.

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