Politik

Arbeitsmarkt Fachkräftemangel erleichtert Zugang in Männerberufe / Plakative Aktion von Franziska Giffey

Ministerin räumt den Müll weg

Archivartikel

Berlin.Franziska Giffey (SPD) kennt jetzt den „Hose-voll-Knopf“. Den drückt der Müllwerker, der hinten auf dem Sammelfahrzeug steht, wenn er in Probleme gerät und der Fahrer sofort anhalten muss.

Die Frauenministerin hat den Knopf gestern nicht gebraucht. Alles ist gut gegangen auf ihrer kurzen Entsorgungstour durch Berlin. Obwohl der „Einseinser“, wie die SPD-Politikerin hinterher fachmännisch sagt, das 1 110 Liter-Gefäß also, doch ganz schön Gewicht hat. Man sieht es, als Giffey es über die Bordsteinkante hieven muss. Zwei kernige Mitarbeiter der Berliner Stadtreinigung helfen, „der Robert und der Torsten“. Giffey ist mit den beiden nach der Schicht per Du, diese geben das Lob zurück: Die Politikerin habe „richtig handfest angepackt“, sagen sie.

Ziel heißt Normalität

Das Ganze ist natürlich eine Presseaktion zum Internationalen Frauentag. Giffey begrüßt die wartenden Medienvertreter mit „Mahlzeit“ und leert vor den Kameras vier Tonnen. Ob es ihr Spaß macht? „Is mal wat richtjet“, sagt sie berlinernd. Die „heute show“ des ZDF lässt sich so ein Ereignis nicht entgehen. „Jaaa, Gleichberechtigung!“, ruft Hazel Brugger in die Kamera und bläst dazu in eine Tröte.

Die Müllabfuhr war lange eine der letzten Männerbastionen, doch jetzt fällt auch diese. 23 Pionierinnen aus ganz Deutschland haben sich in Berlin getroffen, um Erfahrungen auszutauschen. Der „Verband Kommunaler Unternehmen“ hat sie eingeladen, er wirbt für den Job. Treiber der Gleichberechtigung ist wie in vielen anderen Bereichen des Arbeitsmarktes auch hier der Fachkräftemangel. VKU-Geschäftsführerin Katherina Reiche sagt das ganz offen.

Die versammelten Müllwerkerinnen sind eher jung, aber weder besonders groß, noch besonders kräftig. Ein ganz normaler Durchschnitt von Frauen dieser Altersgruppe. Giffey fragt sie, warum sie den Job machen. Die meisten sagen wie Jessica, 34, aus Berlin, dass sie gern körperlich arbeiten. Und gern draußen sind. Jessica war vorher Arzthelferin, „da habe ich gemerkt, was ich nicht will“. Sandra, 44, aus Münster hat 19 Jahre „in der Produktion“ gearbeitet, also in der Fabrik. Als Müllwerkerin seien die Schichten viel besser für sie, betont Sandra. Sie ist alleinerziehend. „Die Arbeit ist schwer“, sagt sie. „Doch das sind andere Berufe auch.“

Am Ende ihrer Arbeitstage wissen alle, was sie getan haben. 20 Kilometer gelaufen, etliche Tonnen Gewicht geschoben, gezogen, gehievt. Alle Müllwerkerinnen haben einen Fitnesstest bestanden, der für Männer wie Frauen gleich ist. In drei Tagen werden sie dann angelernt.

Zunächst reservierte Reaktionen

Die männlichen Kollegen hätten teilweise schon reserviert reagiert, sagt Jessica. „Manche hatten Angst, dass sie unsere Arbeit mitmachen müssen.“ Aber wenn sie sähen, „dass wir genauso in die Keller reingehen“, sei das schnell vorbei. „Keine Probleme mit den Männern“, erklären alle.

Manche Passanten machen noch Fotos, wenn sie Müllwerkerinnen sehen, berichten die Frauen. Und ältere Leute fragen schon mal: „Warum machen Sie so etwas, warum arbeiten Sie nicht im Kindergarten?“

Giffey will, dass solche Arbeiten für Frauen normal werden. „Frauen können alles“, ist ihre Botschaft des Tages. Ihr ist bei der Tour ziemlich warm geworden, gibt sie zu. „Aber“, so die Ministerin, „ich habe gehört, das wird es den Männern auch.“