Politik

Mahnung Frankreich veranstaltet internationales Gipfeltreffen mit Regierungschefs / Blume wird Symbol der Opfer

Mohn erinnert an den Beginn der Hölle

Brüssel/Paris.Es ist der Morgen des 3. Mai 1915, und der kanadische Leutnant und Sanitätsoffizier John McCrae (43) schreibt diese Zeile: „Auf Flanderns Feldern blüht der Mohn“. Die zweite Flandernschlacht rund um das belgische Ypern tobt. Ende April hatten die Deutschen erstmals Chlorgas eingesetzt – der Beginn des Gaskriegs. Oder einfach nur der „Hölle“. Da das Gas schwerer als Luft ist, sinkt es zu Boden, tötet in den Schützengräben. Schätzungen sprechen von 10 000 deutschen Soldaten, die bei der Schlacht ihr Leben verlieren, die Verluste der Alliierten dürften doppelt so hoch sein.

Blut färbt Erde rot

Unter den Opfern ist auch der 22-jährige Leutnant Alexis Helmer. Der Student war bis zu seinem Tod am 2. Mai 2015 der beste Freund McCraes. Einen Tag später hält der Sanitätsoffizier in Ermangelung eines Geistlichen eine kleine Trauerzeremonie, setzt sich danach auf einen Karren, lässt seinen Blick über die Gräber streifen und sieht überall den Klatschmohn, der rot wie Blut aus der Erde sprießt. McCrae beginnt zu schreiben: „Nun liegen wir auf Flanderns Feldern.“

Es entsteht das berühmteste Gedicht des Ersten Weltkriegs. Und doch verdankt es seine Bekanntheit gleich zwei Zufällen. Der 22-jährige Unteroffizier Cyril Anderson beobachtet die Szene, McCrae lässt ihn das Gedicht lesen. Aber McCrae zerknüllt den Zettel, wirft ihn weg. Anderson findet ihn, schickt ihn zunächst an die Londoner Zeitung „The Spectator“. Doch erst Monate später wird die Satire-Zeitschrift „Punch“ die Zeilen veröffentlichen – ohne den Autor zu nennen. McCrae bekommt das nicht mit. 1918 stirbt er an einer Meningitis und wird im nordfranzösischen Wimereux beigesetzt.

Belgien stark betroffen

An der Stelle, an der er das Gedicht schrieb, befindet sich heute der Soldatenfriedhof Essex Farm Military Cemetery mit einer Statue McCraes. Doch wirklich bekannt wird „Flanders Fields“ aus einem anderen Grund. Am 9. November 1918 liest die New Yorker Professorin Moina Michael in einer Zeitschrift die Zeilen – und ist tief bewegt. Vor allem von der letzten: „So werden wir nicht schlafen, obgleich Mohn wächst auf Flanderns Feldern.“ Sie beschreibt später, sie habe das Gefühl gehabt, dass die gefallenen Soldaten, vor deren Vergessen das Gedicht warnt, direkt zu ihr sprechen. Und in diesem Moment habe sie sich geschworen, fortan als Zeichen des Gedenkens immer eine Mohnblüte zu tragen.

Moina Michael setzt sich dafür ein, diese Blume zum Symbol zu machen, damit die Opfer des Krieges unvergessen bleiben. Mit Erfolg. Klatschmohn wird zum Zeichen, das in Großbritannien und Frankreich, aber auch in den USA und Kanada am 11. November getragen wird. Das Rot erinnert an das Blut der Gefallenen. Klatschmohn weckt Assoziationen an den Schlafmohn, aus dem man jenes Morphium gewinnt, das den Soldaten als schmerzstillendes Mittel verabreicht wurde. Das Gedicht und das Symbol gehören für Belgien untrennbar zum Gedenken an diesen Krieg. In Ypern werden König Philippe und seine Frau, Königin Mathilde, am 11. November, dem 100. Jahrestag des Kriegsendes, an einem besonderen Moment teilnehmen: Seit 1928 wird in der flämischen Stadt ohne Ausnahme an jedem Abend um 20 Uhr das militärische Hornsignal „Last Post“ geblasen – zur ewigen Erinnerung an die Toten.

Schwerpunkt für Macron

Und auch, dass sich der französische Präsident Emmanuel Macron eine Woche lang einem einzigen großen Thema widmet und alle anderen fast komplett zurückstellt, kommt höchst selten vor. Doch das Gedenken an das Ende des Ersten Weltkriegs nahm er zum Anlass, um eine Woche lang jeden Tag an einem anderen Ort an das brutale Kriegstreiben zu erinnern. „Gedenk-Rundreise“ nennt der Élysée-Palast sein Programm, das ihn an ehemalige Kriegsschauplätze im Osten und Norden Frankreichs führt. Höhepunkt der Zeremonien-Woche ist der 11. November. Am Tag des Waffenstillstands von Compiègne, der in Frankreich ein Feiertag ist und an dem der Präsident traditionell einen Kranz am Grab des Unbekannten Soldaten am Triumphbogen in Paris niederlegt, kommen rund 80 Staats- und Regierungschefs aus der ganzen Welt – unter ihnen Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Neben Gedenk-Terminen sind aber auch Besuche an Schulen, in einer Fabrik, einem Altersheim vorgesehen. Mit dieser großen Aufmerksamkeit möchte Macron, der kontinuierlich an Beliebtheit einbüßt, zeigen, dass er kein „Präsident der Reichen“, kein „Präsident der Städte“ ist, wie ihm seine Gegner vorwerfen. Wie bereits sein Vorgänger François Hollande misst auch er symbolkräftigen Gesten an historischen Gedenktagen und Lektionen aus der Geschichte eine große Bedeutung zu. In einem Interview mit der französischen Regionalzeitung „Ouest France“ sagte er, die heutige Zeit und jene zwischen beiden Weltkriegen zeigten verblüffende Ähnlichkeiten auf. „Europa steht einem Risiko gegenüber: durch die nationalistische Lepra zu zersplittern und von äußeren Kräften umgestoßen zu werden. Und damit seine Souveränität zu verlieren“, warnte er. Tatsächlich ist der sogenannte Große Krieg in den französischen Köpfen weitaus präsenter als in Deutschland – sogar mehr als der Zweite Weltkrieg, was sich unter anderem aus den umfangreichen Zerstörungen und der immensen Zahl von Toten und Verletzten erklärt.

Alte Bunker und großflächige Soldatenfriedhöfe halten die Erinnerung bis heute wach. Als Identifikationsfigur für die 1,3 Millionen auf den Schlachtfeldern getöteten Franzosen und die rund 4,3 Millionen verletzten Soldaten gilt der „Poilu“. So wird der tapfere Frontsoldat genannt, wie es ihn in jeder Familie gab. Und während Frankreich sich als zweifelsfreie Siegermacht des Jahres 1918 versteht, erscheint seine Rolle im Zweiten Weltkrieg mit der Kollaboration des Vichy-Regimes deutlich fragwürdiger. Auch das befördert das stärkere Gedenken an den Großen Krieg.

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