Politik

Wettstreit Saarländerin überzeugt Delegierte mit starker Rede / Merz bleibt unter den Erwartungen

Neue Epoche beginnt mit Tränen

Hamburg.Um 16.56 Uhr beginnt die neue christdemokratische Zeitrechnung. Es wird mucksmäuschenstill in den Hamburger Messehalle, man könnte eine Stecknadel fallen hören. Daniel Günther, Schleswig-Holsteins Ministerpräsident, verkündet das mit Spannung erwartete Wahlergebnis. Prompt schießen Annegret Kramp-Karrenbauer die ersten Tränen in die Augen, als sie hört, dass sie die Siegerin eines Nervenkriegs ist, den die Union in der Form noch nie erlebt hat: Die Saarländerin ist die neue Vorsitzende der CDU.

AKK atmet tief durch. Man sieht, wie die extreme Anspannung von ihr abfällt. Jubel brandet auf, sie wird geherzt, auf dem Weg zur Bühne umarmt sie ihren Mitbewerber Friedrich Merz, der nur knapp unterlegen ist. Und Jens Spahn, der es nicht in die Stichwahl geschafft hat.

Oben auf dem Podium wartet schon eine andere Frau, die zufriedener, vielleicht auch glücklicher nicht sein könnte: Angela Merkel, Ex-CDU-Chefin. Sie hat sich Kramp-Karrenbauer als Nachfolgerin gewünscht. Punkt 17 Uhr fallen sich beide in die Arme.

AKK wirft den Delegierten einen Kussmund zu. Die Tränen kullern wieder. In ihrer ersten kurzen Rede als neue CDU-Vorsitzende dankt sie ihren Mitstreitern für den „fairen Wettbewerb, den wir uns geliefert haben. Ein Wettbewerb, der uns Auftrieb gegeben hat, dieser Auftrieb muss weitergehen.“

Das wird sich noch zeigen. Denn der Sieg ist sehr knapp ausgefallen. Kramp-Karrenbauer erhält mit 517 Stimmen nur 35 mehr als Merz. Sie muss die Partei jetzt versöhnen. Den ganzen Tag über geht es in den Messehallen zu wie beim Pingpong; die einen sagen, Merz gewinnt, die anderen AKK. „Gefühlt“, wird meist nachgeschoben, keiner weiß es.

Spahn kämpft bis zum Schluss

Morgens versucht nur einer der Anwärter, Delegierte im direkten Gespräch noch auf seine Seite zu ziehen: Jens Spahn. Der Außenseiter ist der erste, der gegen halb zehn den Tagungsort betritt. Friedrich Merz kommt etwas später, sucht schnell seinen Platz. Spahn hingegen drückt jeden, der ihm über den Weg läuft. „Haben Sie noch Hoffnung?“, wird er gefragt. „Alles gut“, sagt er, ohne auch nur einmal sein Lächeln auszuknipsen. Wenn er denn tatsächlich noch Hoffnung gehabt hat, wird sie später enttäuscht.

Kramp-Karrenbauer kommt als Letzte kurz vor Beginn des Parteitages in die Halle. Sie stellt sich zuerst auf der Bühne in die Mitte der 50 Meter langen LED-Wand. Dort steht ganz groß: „Zusammenführen. Und zusammen führen“. Das gibt tolle Fotos. Danach begibt sie sich dorthin, wo sie sich sicher fühlen kann – zu den saarländischen Delegierten. „Wir gewinnen“, ruft ihr einer zu. Doch viele wollen die Vorstellungsreden abwarten, ehe sie sich für einen Kandidaten entscheiden.

Und genau das nutzt unerwartet Kramp-Karrenbauer. Sie macht den Anfang. Sehr selbstsicher tritt sie ans Rednerpult. Persönlich und emotional geht sie ihre Rede an. Das gefällt. Kramp-Karrenbauer blickt zurück in die 1980er Jahre, als sie in die CDU eintrat. Damals sei eine Zeit der Pessimisten und Schwarzmaler gewesen, „denen die CDU nicht hinterher gelaufen ist“. Auch heute „gibt es wieder Ängste, skizzieren unsere Mitbewerber Horrorszenarien“. Die CDU müsse daher die „Komfortzonen“ verlassen und mit Mut vorangehen. Bewusst spielt sie die sozialpolitische Karte, etwa als sie sagt, „wir dürfen nicht zulassen, dass Arbeitsbiografien entwertet werden“.

Gegen Ende macht sie klar, nicht die „Mini-Merkel“ zu sein. Damit spricht sie den stärksten Vorbehalt gegen sie an: „Ich stehe hier so, wie ich bin, und so, wie mich das Leben geformt hat.“ Der Applaus ist laut, es gibt stehenden Beifall: eine Minute und zehn Sekunden lang. Kramp-Karrenbauer ist gut wie nie.

Ihr schärfster Konkurrent, Friedrich Merz, erwischt hingegen nicht seinen besten Tag. Zwar entfacht er zu Beginn einen kleinen Jubelsturm als er erklärt: „Von diesem Parteitag muss ein Signal des Aufbruchs und der Erneuerung der Partei ausgehen.“ Doch danach plätschert seine Rede dahin, er kann den Saal nicht wirklich mitreißen. „Er bleibt unter seinen Möglichkeiten“, raunt einer. Auch er erhält am Ende stehenden Beifall. Das reicht jedoch nicht.

Später wird auch klar: Merz kandidiert nicht für das Präsidium. Er geht zurück ins Sauerland.

Info: Video unter: morgenweb.de/politik

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