Politik

US-Wahlkampf Im zweiten TV-Duell der demokratischen Präsidentschaftsanwärter schießen sich alle auf Favorit Joe Biden ein

Neun Kandidaten gegen einen

Archivartikel

Detroit.Im Rampenlicht des Fox Theaters blitzen die Zähne aus dem lachenden Mund des braun gebrannten Kandidaten noch weißer auf als gewöhnlich. „Uncle Joe“, wie die Partei, Joe Biden (Bild), den ehemaligen Vizepräsidenten Barack Obamas nennt, gibt ganz den Jovialen, während er seinen Platz in der Mitte der Bühne neben Senatorin Kamala Harris einnimmt. Diese hatte dem 76-Jährigen mit ihrer Kritik an dessen Haltung zum Ende der Rassentrennung in den USA in der ersten Debatte von Miami mächtig zugesetzt. „Geh’ schonend mit mir um, Kleine“, raunte der Spitzenreiter im Bewerberfeld der Demokraten der 22 Jahre jüngeren Senatorin zu, die seine Tochter sein könnte.

War das der flapsige „Joe“, der in für ihn klassischer Manier wieder einmal ins Fettnäpfchen trat, oder der alte weiße Mann, der einfach nicht begreift, wie herablassend solch eine Bemerkung gegenüber einer verdienten Frau ist? Gewiss markierte der von einem offenen Mikrofon eingefangene Moment keinen idealen Auftakt für die nächste Riege an Kandidaten, die sich an zwei Abenden nacheinander in Detroit darüber stritten, wer die Demokraten ins Rennen gegen Donald Trump führen soll. Dafür aber erwies sich Bidens Bitte als prophetisch. Ein Mitbewerber nach dem anderen arbeitete sich an dem volkstümlichen Joe ab, der in der jüngsten Umfrage der Quinnipiac University mit etwas mehr als einem Drittel der Stimmen mit 19 Prozentpunkten vor dem Rest des Feldes liegt.

Inhaltliches Profil fehlt

Zu diesem Zeitpunkt im Wahlkampf ist das eine ordentliche, aber keineswegs überzeugende Führung für einen Spitzenreiter mit fast universaler Namenskennung. Vor allem die Kandidaten in der zweiten Reihe versuchten, auf Bidens Kosten zu punkten. Denn ohne einen kräftigen Schub in den Umfragen werden viele von ihnen bei der nächsten Debatte im September in Houston nicht mehr dabei sein. Dann müssen sie mit mindestens zwei Punkten auf dem Radar der Meinungsforscher auftauchen und zusätzlich 130 000 Spender nachweisen.

Zu den Gefährdeten gehört der New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio, der Biden frontal wegen der Deportationen von Einwanderern ohne gültige Papiere unter Obama angriff. Als er ihn drängte, klar Position zu beziehen entgegnete Biden, er sei bloß Vizepräsident gewesen. „Ich war nicht Präsident. Ich habe meine Ratschläge privat gehalten.“ Was den einzigen Latino im Rennen, Julian Castro, später dazu verleitete, Biden vorzuhalten, sich nicht deutlich genug gegen Donald Trumps unmenschliche Flüchtlings- und Einwanderungspolitik zu positionieren.

Der Gouverneur von Washington, Jay Inslee, hielt Biden vor, seinem Klimakonzept fehle es an Dringlichkeit, und der Senator von New Jersey, Cory Booker, kritisierte den Spitzenreiter dafür, als Co-Sponsor einer Justizreform in den 90er Jahren für die überfüllten Gefängnisse verantwortlich zu sein. Biden ging nicht unter, überzeugte aber nicht wirklich. Vor allem fehlte ihm ein inhaltliches Profil.

Die zweite Debatte machte klar, dass seine Mitbewerber nur zu bereitwillig die Aufgabe Donald Trumps übernahmen, „Uncle Joe“ zu demontieren. Harris, die mit ihm um die moderaten Wähler konkurriert, bekam wegen ihrer Ideen zur Gesundheitspolitik auch ein wenig Druck zu spüren, fiel aber ansonsten nicht weiter auf. Senator Booker profitierte mit seinem soliden Auftritt in Detroit am meisten und könnte in die Sechsergruppe an der Spitze nachrücken, aus der Beto O’Rourke nach seiner enttäuschenden Performance absteigen dürfte.

„Washington Post“-Analyst Dan Balz bedauerte wie viele andere Beobachter die Zweiteilung der Debatte. Die beiden Nächte „halfen weder die substanziellen Unterschiede zu überwinden noch die Frage zu beantworten, welcher Demokrat am besten geeignet ist, gegen Trump im Jahr 2020 anzutreten“. (Bild: dpa)

Zum Thema