Politik

Novemberpogrome

Archivartikel

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 verwüsteten Nationalsozialisten etwa 7500 jüdische Geschäfte und Einrichtungen in Deutschland. Sie zündeten einen Großteil der rund 1200 Synagogen und Gebetshäuser an, demolierten jüdische Friedhöfe und stürmten Wohnungen. Historiker gehen von mehr als 1300 Menschen aus, die in Folge der Novemberpogrome ums Leben kamen.

Propagandaminister Joseph Goebbels sprach von einer „spontanen Welle des Volkszorns“. Tatsächlich waren vor allem organisierte Sturmtrupps der SA (Sturmabteilung) und SS (Schutzstaffel) für die Exzesse verantwortlich. Als Grund für die Ausschreitungen nannten die Nazis das tödliche Attentat auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath am 7. November 1938 in Paris. Täter war der 17-jährige Herschel Grynszpan. Die Nacht gilt als Auftakt zur systematischen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung. Bis Kriegsende 1945 kostete der Holocaust etwa sechs Millionen Juden das Leben. Die von den Nazis übernommene Bezeichnung „Reichskristallnacht“, die auf die Scherben in den Straßen anspielte, wird heute als verharmlosend abgelehnt. Gleichwohl überlebte der Begriff den Krieg, wird bis in die 1980er Jahre verwendet, 1952 sogar im „Brockhaus“ vermerkt. Auch der Chef der Band BAP, Wolfgang Niedecken, gibt seinem gegen Alt- und Neonazis gerichteten Lied von 1982 den Titel „Kristallnaach“. In den 1980er Jahren entstand der Begriff „Reichspogromnacht“. Jedoch wurden die Pogrome des 19. Jahrhunderts in Polen und Russland, die mit diesem Wort bezeichnet werden, nicht gesamtstaatlich organisiert. Da die ersten Angriffe der Nationalsozialisten bereits am 7. November 1938 begannen und teils, bis zum 13. November dauerten, sprechen Historiker inzwischen von „Novemberpogromen“.

Bis heute werden für Verbrechen der NS-Zeit euphemistische Begriffe verwendet, die von Tätern geprägt wurden: „Arisierung“ für den Raub jüdischen Vermögens, „Euthanasie“ für die Ermordung Behinderter, „Konzentrationslager“ für Einrichtungen zur Tötung von Menschen. -tin/dpa