Politik

Großbritannien Besorgte Bürger fragen bei der Europäischen Union um Rat / Austritt ohne Abkommen nach wie vor möglich

Nummer gegen Brexit-Kummer

Brüssel.Die Downing Street ist mehr als 300 Kilometer weit weg, aber wenn in London eine neue Brexit-Welle losrollt, dann schwappt sie direkt über Martinas Schreibtisch. Das ist natürlich nicht wörtlich gemeint, die 24-Jährige sitzt trocken und behütet in einem sonnigen Großraumbüro an der Avenue de Cortenbergh in Brüssel. Aber sie weiß: „Was in den Nachrichten läuft, löst hier ganz schön was aus. Die Leute rufen an.“

Werde ich nach einem Brexit noch ohne Visum reisen können? Darf ich Hund oder Katze mitnehmen? Was wird aus meinem Erasmus-Stipendium? All diese Fragen hört Martina an ihrer Leitung bei Europe Direct, dem telefonischen EU-Kummerkasten, bei dem jeder gebührenfrei anrufen kann. Nach dieser Woche mit dem verworrenen Machtkampf in London und der enormen Unsicherheit dürften dort die Telefone wieder Sturm klingeln.

„Mit Blick auf einen möglichen Brexit ohne Vertrag geraten die Leute in Panik, und das ist ja auch verständlich“, sagt Martina, die sich im Call Center auf Brexit-Fragen spezialisiert hat und gerne nur ihren Vornamen genannt wissen möchte. „Wir wollen den Leuten helfen, ruhig zu bleiben.“

Szenario in Amtsdeutsch

Fakt ist: Der Brexit ist für den 31. Oktober angesagt, aber noch immer ist kein Austrittsvertrag ratifiziert. Auch nach dem Votum des britischen Parlaments gegen einen Austritt ohne Abkommen (No Deal) und trotz der möglichen Aussicht auf Neuwahlen in Großbritannien: Die Gefahr, dass das Land in acht Wochen ohne Abkommen „über die Klippe stürzt“, ist nicht gebannt.

Ohne Vertrag, das heißt, es gibt keine Übergangsfrist und keine Rechtssicherheit. Von einem Tag auf den anderen ist zwischen der EU und Großbritannien alles anders – neue Regeln, neue Vorschriften, neue Kontrollen an den Grenzen. Im Amtsdeutsch der EU-Kommission klingt das so: „Dies würde natürlich erhebliche Störungen für Bürger und Unternehmen mit sich bringen und schwerwiegende negative wirtschaftliche Auswirkungen haben, die im Vereinigten Königreich im Verhältnis viel stärker wären als in den Mitgliedstaaten der EU-27.“

Kurzfristig werden bei einem Chaos-Brexit stunden- oder tagelange Wartezeiten für Lastwagen an der Grenze erwartet. Die britische Regierung befürchtet Lieferengpässe bei Lebensmitteln und Arzneien. Etliche Briten haben längst begonnen, Vorräte zu horten.

Mittelfristig sagen Studien einen Konjunktureinbruch voraus oder gar eine Rezession. Exportverluste, Währungsverfall, Fabrikschließungen, Arbeitslosigkeit. Experten der Bertelsmann-Stiftung kamen in Modellrechnungen für den Fall eines No-Deal-Brexits auf Einkommensverluste von fast 100 Milliarden Euro pro Jahr – davon allein 57 Milliarden Euro für Großbritannien.

Einmal weniger ins Allgäu

Deutschland hätte nach dieser Rechnung Verluste von mehr als 9,5 Milliarden Euro pro Jahr. Pro Kopf fehlen demnach rechnerisch 115 Euro jährlich in der Haushaltskasse. Für eine vierköpfige Familie könnte das schon ein Kurzurlaub im Allgäu oder an der Ostsee sein.

Gut, davon geht die Welt nicht unter, könnte man sagen. Aber zum einen sind das nur Statistik- und Rechengrößen. Der ohnehin flauen Konjunktur in Deutschland könnte ein No Deal einen entscheidenden Schlag versetzen. Zudem werden einzelne Regionen wie etwa Nordrhein-Westfalen mit bisher hohen Exporten nach Großbritannien besonders getroffen, sagt Studienautor Dominic Ponattu.

Lieber Ende mit Schrecken?

Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung sagt: „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende – lieber jetzt ein harter Brexit als eine Hängepartie, die sich noch ein oder zwei Jahre hinzieht.“ Das Wichtigste sei Planungssicherheit, dann könnten Unternehmen die Folgen eines No Deals auch bewältigen.

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