Politik

Corona Medizinethiker Wolfram Henn fordert gesellschaftliche Debatte über den künftigen Umgang mit Nicht-Geimpften

Nur noch mit Impfpass ins Flugzeug?

Archivartikel

Mannheim.Seine Mutter, so erzählt es der Medizinethiker Wolfram Henn (Bild), habe noch die Zeiten erlebt, als es keine Impfung gegen Kinderlähmung gab und jedes Jahr hunderte Kinder und Erwachsene daran unheilbar erkrankten. Ihr Geschenk zum 92. Geburtstag an Neujahr werde die Impfung gegen das Coronavirus sein. „Meine Mutter ist eine messerscharf denkende Juristin und hat vollkommen klar gesagt, das ist doch eine Selbstverständlichkeit, das tue ich für mich, das tue ich für andere“, sagt Henn, der die genetische Beratungsstelle der Universität des Saarlandes leitet und seit 2016 Mitglied im Deutschen Ethikrat ist.

Unter dem Stichwort „Ärmel Hoch“ sollen nun in der Corona-Pandemie zunächst die über 80-Jährigen, später alle anderen eine Impfung erhalten – wenn sie das denn möchten. Dass dazu noch viel Überzeugungsarbeit notwendig ist, weiß Henn. Jedoch liege der harte Kern der Impfgegner bei allenfalls etwa zwei Prozent der Bevölkerung. „Ich bin zuversichtlich, dass mit den anlaufenden Impfungen, die sich dann als gut verträglich zeigen werden, das Vertrauen zunimmt“, sagt er.

In den vergangenen Monaten ist die Impfbereitschaft in Deutschland gesunken, derzeit sagt nur jeder Zweite, er wolle sich impfen lassen. Eine Impfpflicht hält Henn, wie auch der Ethikrat, dennoch nicht für sinnvoll. „Eine staatliche Impfpflicht führt letzten Endes nicht dazu, dass mehr geimpft wird. Man fährt besser damit, die Menschen zu überzeugen.“ Sobald es einen Zwang gebe, reagierten viele mit dem Reflex, sich erst einmal dagegenzustellen.

Nicht-Geimpfte vom Versicherungsschutz im Fall einer Covid-19-Erkrankung auszuschließen, ihnen die Kosten einer Behandlung also in Rechnung zu stellen, lehnt Henn ab. Dies hatte der Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft, Michael Hüther, vorgeschlagen. „Es ist das Grundprinzip der Medizin, dass jeder, der krank ist, eine Behandlung bekommt.“ Gleichzeitig äußerte der 59-Jährige Verständnis für Hüthers Äußerung, da es „aus dem Bauch heraus schon einigen Ärger verursacht, dass unnötigerweise massive Kosten der Allgemeinheit auferlegt werden“.

Verantwortung verpflichtet

Für denkbar hält es Henn allerdings, dass im Bereich der Privatwirtschaft Betreiber von Fitnessstudios eine Corona-Impfung zur Voraussetzung einer Mitgliedschaft machten. Auch Fluggesellschaften, die für möglichst viel Sicherheit an Bord sorgen wollten, könnten womöglich wahlweise eine Impfbestätigung oder einen negativen PCR-Test verlangen. Er persönlich würde auch dafür plädieren, eine Impfpflicht für eng umrissene Berufsgruppen wie Ärzte und Pflegekräfte in Krankenhäusern und Altenheimen, die Verantwortung für die Gesundheit anderer trügen, einzuführen. Problematisch sei hingegen, wenn Restaurantbesitzer Nicht-Geimpfte ausschlössen. „Das wäre ein Impfzwang durch die Hintertür.“

Mit Blick auf Privilegien für Geimpfte sagte der Medizinethiker: „Wir müssen zurückhaltend sein, ,ich bin jetzt geimpft, also brauche ich keinen Schutz mehr’, so einfach kann es nicht gehen.“ Zum einen seien nicht alle Geimpften auch mit Sicherheit geschützt, da es „Impfversager“ gebe. Zum anderen sei noch unklar, inwieweit Geimpfte die Viren weitertragen könnten. (BILD:: Ethikrat)

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