Politik

Stichwahl Polen entscheidet am Sonntag über seinen künftigen Präsidenten / Warschaus Oberbürgermeister Rafal Trzaskowski fordert Amtsinhaber Andrzej Duda heraus

Offen-eloquent oder konservativ-populistisch?

Archivartikel

Starachowice/Lodz.Andrzej Duda kommt zu spät. Dichtgedrängt stehen seine Anhänger in der glühenden Sommerhitze auf dem Marktplatz in Starachowice. Sie warten auf den Wahlkampfauftritt des polnischen Präsidenten. Plötzlich Bewegung am Rande des Marktplatzes: Ein kleines Grüppchen entrollt ein Plakat von Rafal Trzaskowski – Dudas Herausforderer.

„Diebe, Diebe!“, brüllt die Menge der Duda-Fans. Ein Rentner schlägt mit einem Besenstiel nach Trzaskowskis Anhängern. Eine Frau schreit ihn an: „Schäm dich! Marsch, in die Kirche und alles dem Pfarrer beichten!“

Stimmung aufgeheizt

Die Stimmung im Land ist aufgeladen. Am Sonntag entscheiden die Polen per Stichwahl, wer ihr neuer Präsident wird: Andrzej Duda, der die Unterstützung der nationalkonservativen Regierungspartei PiS hat. Oder Warschaus Oberbürgermeister Rafal Trzaskowski von der liberalkonservative Bürgerkoalition (KO). Laut Umfragen wird es knapp: Duda liegt demnach bei 46 bis 47,3 Prozent der Stimmen, Traskowski kommt auf 45,9 bis 47,5 Prozent.

Beide Kandidaten sind 48 Jahre alt, haben einen Doktortitel und Familie. Doch da hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Duda punktet auf dem Land und im konservativen, katholisch geprägten Süden und Osten. Trzaskowski in den Großstädten, im Norden und Westen.

In der südpolnischen Kleinstadt Starachowice, wo die Kirche hinter den bröckelnden Häusern am Marktplatz aufragt, ist Duda in seinem Element. Der temperamentvolle Redner hat ein Gespür für populistische Töne. Er zählt die Sozialleistungen auf, die die PiS-Regierung eingeführt hat: 500 Zloty (rund 113 Euro) Kindergeld pro Kind, Senkung der Mehrwertsteuer auf Lebensmittel. „Das werdet ihr merken, wenn ihr einkaufen geht!“, ruft er. Die Menge skandiert: „Danke! Danke!“

Vom Rand des Marktplatzes schallt es dagegen: „Ra-fal! Ra-fal! Freie Gerichte!“ Duda sagt, was für ihn zählt: „Die Familie, die Familie, nochmals die Familie“. Deshalb wolle er in der Verfassung verankern, dass Adoption von Kindern durch homosexuelle Paare verboten wird. Langer Applaus. „Ich finde es gut, dass er für die traditionelle Familie ist“, sagt der 18-jährige Piotr Gawlik, der eine Lehre als Mechatroniker macht.

Szenenwechsel. In der Fußgängerzone von Lodz mit ihren herausgeputzten Altbauten hat der Wahlkampfstab von Trzaskowski vor seinem Auftritt alles vorbereitet. Lodz ist Polens drittgrößte Stadt. Trzaskowski, ein smarter Typ mit modischem Drei-Tage-Bart kommt hier gut an. Er hat angekündigt, dass er als Präsident die umstrittenen Justizreformen der PiS rückgängig machen will. Adam Pierzchala will Trzaskowski wählen. „Er ist offen und eloquent, setzt sich für die Rechte von Frauen und LGBT-Menschen ein“, sagt der 19-jährige Abiturient. Für den Manager Aleksander Sucharkiewicz zählt etwas anderes. Trzaskowski werde das Verhältnis Polens zur EU wieder ins Lot bringen, hofft der 43-Jährige. dpa

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