Politik

Paris Mutmaßlicher Islamist sticht wahllos auf Passanten ein – und tötet einen jungen Mann / Polizei erschießt Angreifer

Panik im Amüsierviertel

Paris.Wenn François Molins vor die Kameras tritt, weiß man, dass es wieder passiert ist. Bei jedem Anschlag mit mutmaßlich terroristischem Hintergrund in Paris der vergangenen Jahre war es stets der Staatsanwalt von Paris, der die ersten gesicherten Informationen über Täter und Verlauf gab – auch, wenn bis dahin schon viele Nachrichten im Internet die Runde gemacht hatten.

In der Nacht zum Sonntag berichtete der 64-Jährige mit sorgenvoller Mine, dass ein Mann im Viertel um die Garnier-Oper, einem beliebten Ausgehviertel der Stadt, vorbeigehende Menschen mit einem Messer angegriffen hatte. Dabei tötete er einen 29-Jährigen und verletzte vier weitere Personen, zwei davon schwer. Sie befanden sich gestern außer Lebensgefahr. Molins ließ kaum einen Zweifel daran, dass die Tat als Terror-Akt einzustufen sei. „Zum jetzigen Zeitpunkt und uns auf die Zeugenaussagen stützend, denen zufolge der Angreifer ,Allahu Akbar’ (Gott ist groß) gerufen hat (...) und angesichts der Vorgehensweise haben wir die Antiterror-Abteilung der Pariser Staatsanwaltschaft eingeschaltet“, sagte Molins. Der Täter sei von der Polizei erschossen worden. Es handelte sich um einen in Tschetschenien geborenen 20-Jährigen, der 2010 in Frankreich eingebürgert worden war.

Hinter Molins hatten sich Polizisten und Notärzte aufgebaut, der Bereich war abgesperrt. Blaulicht flackerte in der Nacht. Wieder war das quirlige Pariser Nachtleben getroffen worden, nachdem am 13. November 2015 bei mehreren parallel geführten Anschlägen auf Bars und Cafés, die Konzerthalle Bataclan sowie das Fußballstadion in Saint-Denis nördlich der französischen Metropole 130 Menschen ermordet und mehr als 350 verletzt worden waren.

Irrer Blick des Täters

Die schlimme Erinnerung daran kehrte am Wochenende sofort zurück. Zeugen erzählten von plötzlich aufgekommener Panik. In den Restaurants hatten sich die Menschen auf den Boden geworfen, ohne zu wissen, was passierte. „Wir tranken ein Glas mit Freundinnen auf einer Terrasse, als wir plötzlich Schüsse hörten“, berichtete die 47-jährige Gloria in einem französischen Fernsehsender. „Es gab einen Tumult auf der Straße, wir haben nichts verstanden, aber die Kellner sagten, wir sollten schnell Schutz suchen.“ Draußen habe sie einen Mann am Boden liegen gesehen, wenige Minuten später kam die Polizei. „Sie waren wahnsinnig viele. Wahnsinnig viele.“ Eine Augenzeugin aus Deutschland berichtete, der Angreifer habe einen „irren Blick“ gehabt.

Premierminister Édouard Philippe lobte später die „außergewöhnliche Reaktionsfähigkeit der Polizeikräfte“, die eine „schlimmere Bilanz“ verhindert habe: Nach fünf Minuten seien die Beamten zur Stelle gewesen, nach neun Minuten war der Angreifer tot. Der Täter, dessen Eltern im Anschluss in Untersuchungshaft kamen, war zwar zuvor nie wegen Straftaten aufgefallen. Allerdings führten ihn die Behörden aufgrund eines verdächtigen Kontaktes in der „S-Liste“ („S“ steht für „Staatssicherheit“) wegen möglicher Radikalisierung. Erst im April war der 20-Jährige verhört worden, ohne dass Hinweise auf seine Absichten gefunden worden waren.

Islamischer Staat bekennt sich

Die Terrororganisation Islamischer Staat bekannte sich rasch zu dem Anschlag und ließ verkünden, es habe sich um eine „Vergeltungsmaßnahme“ gegen die Staaten der internationalen Koalition im Irak und in Syrien gehandelt. Frankreich beteiligte sich dort bereits an von den USA geführten Luftschlägen. Seit 2015 wurden 245 Menschen in Frankreich bei Terroranschlägen getötet, auch durch Messerangriffe.

„Heute Abend wurde unsere Stadt verletzt“, reagierte Bürgermeisterin Anne Hidalgo und verbreitete auf Twitter das Pariser Stadt-Motto, das bereits bei den Terroranschlägen 2015 Trost und Kraft geben sollte: „Fluctuat nec mergitur“ – „Sie wankt, aber sie fällt nicht.“