Politik

Bagdad Nur etwa 45 Prozent der Iraker stimmen bei den Parlamentswahlen ab / Schiitischer Geistlicher Al-Sadr führt in vielen Provinzen

Prediger liegt überraschend vorn

Bagdad.Dem irakischen Regierungschef Haidar al-Abadi droht bei der Parlamentswahl im Irak eine Niederlage gegen den schiitischen Geistlichen Muktada al-Sadr. Der Prediger liegt nach ersten Ergebnissen überraschend vorn. Seine Liste Sairun kommt in vier von bislang zehn ausgezählten Provinzen auf den ersten Platz, darunter in der Hauptstadt Bagdad, wie die irakische Wahlkommission mitteilte. Ein Erfolg zeichnete sich auch für ein Bündnis ab, das eng mit den schiitischen Milizen verbunden ist und gute Beziehungen zum Iran hat.

Die „Koalition des Sieges“ des schiitischen Premiers Al-Abadi, des westlichen Wunschkandidaten, ist bisher in keiner Provinz auf einem der ersten Plätze. Die restlichen Ergebnisse und die Verteilung der 329 Sitze im Parlament wurden noch nicht bekannt gegeben. Deshalb kann es noch zu Verschiebungen kommen. Die Iraker hatten am Samstag erstmals seit dem Sieg gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ein neues Parlament gewählt. Die Wahlbeteiligung erreichte mit 44,5 Prozent ein historisches Tief: Es war die niedrigste seit 2003, der ersten freien Wahl nach dem Sturz von Saddam Hussein.

Kontroverser Kandidat

Beobachter nennen als Grund Politikverdrossenheit. Der 44 Jahre alte Al-Sadr, Sohn eines hohen schiitischen Geistlichen, gilt als kontroverse Figur. Nach Saddam Husseins Sturz bekämpfte seine Mahdi-Armee die US-Besatzungstruppen mit Gewalt. In den vergangenen Jahren wandelte er sich zu einem der schärfsten Kritiker des politischen Establishments. Er wehrt sich gegen den starken iranischen Einfluss auf die Politik im Irak. Vor zwei Jahren stürmten seine Anhänger das Parlament in der schwer geschützten Grünen Zone. Al-Sadr hat vor allem in den armen Regionen des Iraks viele Anhänger. Für die Wahl ging er ein Bündnis mit den Kommunisten ein. Die Liste von Al-Sadr liegt insbesondere in Bagdad deutlich vorn. In der Hauptstadt wird mit Abstand die größte Zahl an Sitzen im Parlament vergeben.

Sunniten fühlen sich diskriminiert

Die eng mit den Schiitenmilizen verbundene Liste von Hadi al-Amiri kommt ebenfalls in vier Provinzen auf Platz eins, darunter in der Großstadt Basra. Die Milizen gelten als verlängerter Arm des Irans.

Al-Abadi, seit vier Jahren im Amt, hatte im Wahlkampf mit dem Sieg gegen den IS unter seiner Führung geworben. Der 66-Jährige versprach zudem, sich für einen Ausgleich zwischen der Mehrheit der Schiiten und der Minderheit der Sunniten einzusetzen. Viele Sunniten fühlen sich diskriminiert. Al-Abadi hatte im Dezember den militärischen Sieg über den IS erklärt. Große Teile des Iraks sind zerstört. Der Wiederaufbau kommt nur langsam voran. Auch IS-Zellen sind weiterhin aktiv.