Politik

Geschichte Wissenschaftler Michael Dreyer über den ersten deutschen Demokratie-Versuch / 100. Jahrestag der Weimarer Verfassung

„Republik gezielt zerstört“

Archivartikel

Berlin.Genau vor 100 Jahren wurde in Weimar die erste demokratische Verfassung Deutschlands verabschiedet; in der thüringischen Stadt wird deshalb an diesem Mittwoch ein neues Dokumentationszentrum eröffnet. Über die Bedeutung des Jubiläums spricht der Politikwissenschaftler Michael Dreyer.

Herr Dreyer, ist die Weimarer Republik eine positive oder eine negative Erfahrung in der deutschen Geschichte?

Michael Dreyer: Meistens wird Weimar nur vom Ende her gesehen, als Vorspiel zu Hitler. Dann empfindet man diese Zeit natürlich als ein Scheitern. Das war auch lange die dominierende Sicht in der deutschen Geschichtswissenschaft. Das hat sich allerdings zunehmend geändert. Am Anfang der Weimarer Republik standen große Chancen und Leistungen. Weimar ist auch nicht „untergegangen“, wie man oft sagt. Das war kein Naturereignis. Diese Republik ist gezielt zerstört worden von Leuten, die ganz bestimmte Interessen verfolgten.

Was war die größte Leistung der Weimarer Republik?

Dreyer: Die gründliche Demokratisierung der deutschen Politik. Im Vergleich zum Kaiserreich ist die Verfassung klar republikanisch und demokratisch, mit gleichem Wahlrecht auch für Frauen, Soldaten und Fürsorgeempfänger. Das gab es vorher alles nicht. Und mit einem klaren demokratischen Staatsaufbau.

Berlin ist nicht Weimar, heißt es immer wieder. Stimmt das?

Dreyer: Ursprünglich lautete der Satz ja Bonn ist nicht Weimar. In vielerlei Hinsicht sind wir aber Weimar. Wir haben im Grundgesetz zahlreiche Verfassungsbestimmungen fast identisch übernommen, von der Stellung des Bundestages über die Richtlinienkompetenz der Kanzlerin bis hin zu den starken Grundrechten, die in der Weimarer Verfassung sogar noch weit ausführlicher waren.

Es gibt ein zunehmendes Desinteresse an der Demokratie. Die Wahlbeteiligung etwa schrumpft.

Dreyer: Darin liegt in der Tat eine Gefahr. Die aktuell lebende Generation hat niemals Krieg, Hunger oder große Krisen erlebt. Für sie ist manches selbstverständlich geworden, zu selbstverständlich. Das muss man immer wieder deutlich machen. Das Weimar-Jubiläum ist dafür eine gute Gelegenheit.

Wie groß war die Rolle der Weltwirtschaftskrise und der Massenarbeitslosigkeit für das Ende der Weimarer Republik?

Dreyer: Sie hat dazu beigetragen, dass sich dann auch weite Teile der Bevölkerung abwendeten. Vor allem aber gab sie Reichspräsident Hindenburg und der herrschenden Clique die Gelegenheit, die Republik von innen her auszuhöhlen. In England und den USA war die ökonomische Lage genauso schlimm, und dort sind die Demokratien nicht zu Fall gebracht worden.

Was sagen Sie der Kinder- oder Enkelgeneration, was sie aus Weimar lernen kann?

Dreyer: Demokratie ist nicht selbstverständlich, man muss sie ständig bewahren. Gleiches gilt für den Frieden. Noch vor zwei, drei Generationen haben sich die europäischen Staaten als Erbfeinde betrachtet. Dass sie heute freundschaftlich miteinander umgehen, ist ebenfalls keine Selbstverständlichkeit und muss ständig neu gestiftet werden, wie Immanuel Kant es einmal formuliert hat.

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